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Der Wanderer zu Athen


Wanderer.

 

Knabe, was streckt dort

Ueber′s Gesträuch

Das graue Haupt empor?

Beweglos, kühn aufstrebend,

Starrt es in′s Auge

Mit riesigen Formen.

 

Knabe.

 

Steige den Bergpfad,

Den krummgewund′nen,

Nur hinan!

Du wirst es sehn,

Staunen, Wanderer!

 

Wanderer. 

Wohin ich blicke,

Alt vermorscht Gestein,

Ueber einander geworfen,

Gestürzte Säulen,

Regellos zu Schutt und Trümmer

Schaurig aufgehäuft,

Schwarze, gebrochne Reste,

Wildwechselnd gethürmt,

Aufragend in düster′m Grau.

Aus jungem, keimendem Gras.

 

Knabe.

 

Das all′ hat

Gestürzt die Zeit!

 

Wanderer.

 

Blühender Griechenknabe,

Staunst auch du?

Wie stürzt allzerstörend

Menschenwerk

Deine Macht, Zeit,

Ewige Riesin!

Wie bebt donnernd

Im Kreise, was er baute

Der schaffende Mensch!

Drückst deine Spur

Jedem gefugten Stein,

Auflösend, verwüstend,

Allfurchtbar,

Ins graue Antlitz.

 

Knabe.

 

Schau′, Wanderer,

Wie um den Architrav,

Sich krümmend, umwebend,

Die heitere Blume blüht!

 

Wanderer.

 

Ach! neben dem Tod,

Dem kalten Sohn

Der ewigen Zeit,

Regt, sich erneuend,

Keime drängend und wechselnd,

Wieder sich ein schwellend Leben.

 

Knabe.

 

Freue dich,

Finsterer Fremdling!

Oben sind wir!

Ach wie schön!

 

Wanderer.

 

Mich durchwallt

Tieferer Schauer.

Welcher Anblick!

 

Knabe.

 

Staunst, Fremdling?

 

Wanderer.

 

Wie der dorischen Säule

Alte Triglyphen

Grüne Laubranken

Schattend überwölben!

Und die morschen,

Epheuumwachsenen Dielenköpfe

Wie sie starren!

Welche Stille!

Nur der Wind

Regt leise schüttelnd und bewegend,

Um die öden Säulen,

Lispelnd die Lorbeerwipfel!

Schauriges Flüstern!

 

Knabe.

 

Hier an′s durchbroch′ne

Graue Gemäuer tritt,

Sinnender Wand′rer!

Hinüber dringst du,

Durch′s wankende Laub,

Ueber die Stadt

Drunten im Thale!

Dort der vollgrüne Berg

Mit der ragenden Säulenkrone,

Ist die Akropolis!

Und das Blaue

Drüber hinein,

Dort!

Ist das Meer!

 

Wanderer.

 

Welch′ Gefühl,

Welch′ ahnungsvolle Wonne

Drängt sich an dich,

Pochend Herz?

Fühlst du ihn wehen

Bangschauernd durch die Stille,

In Luft und Meer,

In Berg und Trümmern,

Durch der ewig sich erneuenden,

Stürzenden, schaffenden Natur

Unergründbare Tiefen,

Den allgeheimen,

Unsichtbar-liebend wirkenden,

Wechellosen Geist?

 

Knabe.

 

Wie ist dir?

Faltest die Hände!

 

Wanderer.

 

Allbegründender!

Deines Wesens

Ewige, füllende Liebeswonne,

Dein Ruhen und Schaffen

In allem

Durchglüht im Ahnungsdrang

Mein schwellend Herz.

Wie aus uralt-gesturztem

Prachtgestein jung Gras sproßt,

Treib aus des Griechen

Dumpf-starrender Verwesung

Heilig-glühend Leben!

Daß er kenne

Sich und dich,

Wieder dringe

Zu dir!

 

Wie aus des Chaos

Wild-kochendem Wirbel,

Deine Sonnen,

Ewiger Geist,

In Riesenformen gestaltet,

Jungkräftig, lauter,

Sich scheiden und sondern,

Steige die alte Freyheit

Wieder aus der Nacht,

Des Menschen Braut,

Die ihm bringt

Ewige Kinder!



(* 21.11.1804, † 17.01.1830)




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