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Die Lieder des Abends


Heard melodies are sweet, but those unheard
 Are sweeter.


Keats.


 


Die Dinge, die die Abende erzählen,
 Die sind so seltsam süß und wunderbar,
 Weil sich in ihnen Wunsch und Wort vermählen
 Und küssen, wie ein Schwesterlippenpaar.


In ihnen schläft der Schmelz der Violinen
 Und träumt ein Trost, der nicht dem Tag entstammt,
 Und sorglos nimmst du Süßigkeit von ihnen
 Gleich einer Rose, die am Wege flammt.


Wohl müssen die Lieder im Abend sein
 Und dort meines Weges warten,
 Denn geh ich in seine Arme hinein,
 So tönt mein Herz ganz glockenrein
 Und klingt wie der Wind durch den Garten.


Ist dies der Abend, der also singt
 Und den meine Lieder erlauschen,
 Ist′s Mondglanz, der süß und silberbeschwingt
 In die perlenden Kelche der Blüten sinkt,
 Ist′s der Wälder traumraunendes Rauschen?


Ich weiß nur: ein lockender Wille drängt
 Mich hin in die Abendgelände,
 Und wie das Herz dort sinnt und denkt,
 Fühlt es oft, wundersam beschenkt,
 Eines Liedes aufpochende Hände.


Und fühlt: der Abend ist reich und rein
 Und voll von rauschenden Gnaden.
 Was wir uns ersingen, war alles sein
 Und unser Wandern ein Weg allein
 Auf seinen ferndunkelnden Pfaden.



(* 28.11.1881, † 23.02.1942)




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