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Brügge


I


Bei Tag ist alles hier Gewöhnlichkeit.
 Die Straße klingt vom Holzschuhtritt der Bauern,
 Vom Lärm der Weiber, die am Markte kauern.


Allein im milden Glanz der Abendzeit
 Erwacht der alten Häuser leises Trauern.
 Die Glocke mahnt ... Und in den dunkeln Mauern


Erstehn die Träume der Vergangenheit.


II


Hier sind die Häuser wie alte Paläste,
 Der Abend hüllt sie in traurigen Flor,
 Die Straßen sind leer wie nach einem Feste,
 Wenn sich der Schwarm frohlärmender Gäste
 Schon fern in die schweigende Nacht verlor.


Die prunkenden Tore mit rostigen Klinken
 Sind längst nicht mehr zum Empfang bereit,
 Verstaubt und verwittert die Kirchturmzinken,
 Die in den Nebel träumend versinken
 Wie in das Meer ihrer Traurigkeit.


Und in den Nischen an dunkelnden Wänden,
 Da lehnen Gestalten aus bröckelndem Stein,
 Und reglos, in heimlichen Wortespenden
 Sprechen sie leise die alten Legenden
 In die tiefe Schwermut der Straßen hinein ...


III


Die weißen Wolken fremder Lande,
 Die nie ein Turm erklommen hat,
 Sie scheinen nah im Spiegelrande
 Und eingestickt dem schwarzen Bande
 Der stillen Wasser dieser Stadt.


Wie Mädchen, die zur Messe schreiten,
 So fromm und fürchtig ist ihr Gehn.
 Man sehnt sich sehr, sie zu begleiten
 Und über Trauer alter Zeiten
 Mit ihnen sinnend hinzuwehn ...


IV


Lind weht der Abendfriede in die stille Stadt,
 Der Sonne goldnes Blut verströmt in den Kanälen,
 Und eine Sehnsucht, die nicht Weg und Worte hat,
 Beginnt nun von den grauen Türmen zu erzählen.


Die alten Glocken singen dumpf und wunderbar
 Von Tagen, da ihr Jubelruf das Land umspannte,
 Des Lebens Glanz tief unten in den Straßen war
 Und fackelfroh das Wimpelspiel des Hafens brannte,


Von reichen Tagen wundersam und längst verglüht
 Und die wie erster Kindertraum so fern geworden.
 Das Ave schweigt ... Und langsam stirbt der Glocken Lied
 Und zittert aus in leise bebenden Akkorden.


Die letzten Töne nimmt ein lauer Abendwind,
 Und einsam irrt der Nachhall in die toten Gassen,
 Die alle schweigsam und ganz schmerzverschüchtert sind,
 Ein blindes Kind, das jäh die Führerhand verlassen. –


Durchs stille Wasser streift ein wildes Schwanenpaar,
 Und leise raunt die Flut, die schwingensacht erschauert,
 Von einer schönen Frau, die Königin einst war
 Und nun im dunklen Nonnenkleide einsam trauert ...



(* 28.11.1881, † 23.02.1942)




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