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Sterbe-Gedanken


Ich sterb und komme vors Gericht,

Ich muß die Erde meiden;

Allein die Stunde weiß ich nicht,

Wenn ich von hier soll scheiden.

Ist nun mein Geist darzu geschickt,

So werd ich ewiglich erquickt!

Wenn Gott das Urtheil fället.

 

Ich weiß nicht, wenn der Todes-Schlag

Den Lebens-Baum zernichtet;

Ob sich sein Stamm am hellen Tag,

Zum schnellen Falle richtet:

Ich weiß nicht, welche Zeit er fällt.

Wie nun hiebey der Geist bestellt,

Darnach wirds ihm auch gehen.

 

Drum bitt ich dich aus Herzens-Grund,

O Herr der Herrlichkeiten

Du wollest mich zur Todes-Stund

Durch deinen Geist bereiten.

Gieb, daß ich sey bey Tag und Nacht

Auf meine Sterbens-Zeit bedacht,

Damit ich nicht verderbe.

 

Vor allen tilge meine Sünd

Mit Jesu Schweiß und Blute.

Schau Vater auf dein heilig Kind!

Blick auf die Geisel-Ruthe:

Schau seinen Tod! dieß halt ich dir

Mit Buß und wahrem Glauben für;

So kan ich allzeit sterben.

 

Ist Sünd und Tod auf mich erboßt,

Und will mir Grauen machen;

So komm zu mir mit deinem Trost;

So kan ich ihrer lachen.

Flöß in mein Herz den Lebens-Saft,

Und gieb mir Stärkung, Muth und Kraft;

So kan ich frölich sterben.

 

Herr! schenk mir deine Freudigkeit

Die Welt mit Lust zu lassen,

Und jene süße Ewigkeit

Mit Freuden zu erfassen.

Gieb mir zu meinem Todes-Schrit,

O Gott! die Glaubens-Flügel mit;

So kan ich seelig sterben.

 

Laß nicht die Lampe des Gebeths

Verlöschen, noch versiegen:

Laß mich dieß einge, bitt ich stets,

Zu eigen überkriegen;

So ruf ich, wenn mein Faden reißt:

Dir Herr! befehl ich meinen Geist;

So kan ich seelig sterben.

 

Drum Herr! bereite meine Seel,

Das sie kan allzeit sterben:

Und soll denn meine Leibes-Höhl,

Als wie ein Baum verderben;

So mache mich darzu bereit;

So kan ich in die Ewigkeit

Zu jeder Stunde gehen.



(* 15.01.1711, † 11.12.1740)




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