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Ein Brandbrief


"Schöne und geliebte Dame" -

wenn die Kühnheit uns erlaubt ist;

oder, wenn sie nicht erlaubt ist,

"Gnädiges, verehrtes Fräulein" -

hehre Schwester in Apoll!

 

Höchst prosaisch, aber desto

mehr gelesen ist das Prachtwerk,

höchstens noch der Bildungs-Meyer

ist in Deutschland mehrgelesner

als dies Prachtwerk, drin wir eben

mit dem großen Blick der Freude

und mit kleinen Lettern Euer

holdes Dichterheim entdeckten,

nämlich im Adreßkalender:

Numro dreizehn, Blühmkes Hof.

 

Ach, der Eine von den beiden

höflichst Endesunterschriebnen

kann den Sonntag nicht vergessen,

jenen Sonntag, Donna Agnes,

als wir unter den Akazien

auf dem schmalen tiefen Sandweg,

neben dem Kartoffelacker

mit den vielen rosaroten

abendlich beglänzten Blümlein,

von den kleinen Kindern schwärmten,

ganz besonders von den dicken,

die Sie gern anbeißen möchten,

ach, und dann auch von den großen,

aber leider ziemlich magern

Kindern, jenen unverblümten

Liebesdichtern, die Sie, glaub ich,

auch am liebsten beißen möchten,

ach, und von dem - Herrn Major.

 

Nein, er wird es nie vergessen,

nie und nimmer, dieser Eine.

Und der Andre von den beiden

höflichst Endesunterschriebnen

hat vor Neid kaum essen können

(achtzig Pfennig a la carte) -

als ich einmal übers andre

mein Erlebnis mit geschwenkter

Gabel in die Lüfte malend

"unvergeßlich, unvergeßlich"

schwurbereiten Mundes rief.

Ach, der Ärmste, dieser Andre:

melancholisch vor dem leeren

Teller saß er, saß und knurrte

durch den dicken, herbstlaubblonden,

mittaglich bewegten Schnurrbart:

"Teufel, war der Braten hart!"

 

Aber ich, ein Arzt für Seelen,

die sich selbst nicht helfen können,

winkte mit geschwungnem Messer

einem schwarzgeschwänzten Bückling:

"Kellner, bitte, das Rezeptbuch,

nein, pardon, Adreßbuch mein ich" -

und so fand ich und verschrieb ich

jenem Andern und mir selber:

Numro dreizehn, Blühmkes Hof.

 

Donna Agnes, zwei Verlassne,

die sich selbst nicht helfen können:

denn des einen Liebesdichters

Leib-und-Seelen-Zuflucht hat sich

in ein Ostseebad verflüchtigt,

und der andre mit dem dicken

blonden Schnurrbart hat gar keine:

zwei von Weib und Welt Verlassne

flehen hier mit zwanzig Fingern

um ein hilfbereites Herz.

 

Donna Agnes, Eures Namens

keusche Schutzpatronin wird Euch

mit viel tausend deutschen Lesern

und noch deutschern Leserinnen

einst zum Lohne benedeien:

 

Donna Agnes, bitte, bitte,

pumpen Sie uns hundert M!

 

Wir verpflichten uns auch gerne,

sie uns selber abzuholen,

sie und Sie, und anstandshalber

auch die Sonne mitzubringen,

echte goldne Sonntagssonne,

die auch Wochentags kann scheinen,

einen ganzen halben Tag lang,

in ein paradiesisches Gärtchen,

wo es einen himmlischen Sekt gibt,

wo wir Abends mit den Blättern

um die Wette schwärmen können,

mit den Blättern der Akazien

oder auch der Roßkastanien

oder des Kartoffelackers,

von den kleinen dicken Kindern,

von den Kindern wie die Kinder,

nur nicht von dem - Herrn Major.

 

Item: Eures Winks gewärtig,

jedem Stephansboten fluchend,

der nicht Botschaft von Agnesen,

Botschaft und Entbietung bringt:

liegen wir (Straubinger Straße,

Numro fünfzehn, fünfte Treppe)

Donna Agnes, hehre Schwester,

ehrerbietigst hier auf unsern

unverblümten Dichterknieen

Dir zu Füßen:

Richard Dehmel,

Detlev Freiherr Liliencron.



(* 31.10.1862, † 09.07.1918)




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