Welch goldnes Leuchten fließt so ungeahnt

Wie lichter Zauber um die starren Bäume?

Was zittert wie geheimer Feierton

Mit leisem Klingen durch des Himmels Räume?

Die Flut des Lichts rinnt mit froher Hast

Vom Felsenhaupt bis in des Abgrunds Klüfte,

Und horch! - schon ruft ein Fink mit leisem Schlag

Zaghaften Jubel in die stillen Lüfte.

 

Es hat der Lenz in stummer Ungeduld

Der Erde schon gestanden seine Liebe,

Die Lider ihr mit lindem Strahl geküßt,

Daß sie nicht mehr im Schlaf befangen bliebe.

Er hat der tief entschlafenen zugeraunt

Der Sehnsucht erste, seligbange Frage

Und ihr versprochen, was die Liebe schenkt:

Verklärte Nächte, sonnenschöne Tage! -

 

Und sieh! Von ihrem Antlitz hebt sie leis

Den duftgewobnen, zarten Nebelschleier

Und schaut mit Augen, die der Traum noch bannt,

Wie zweifelnd auf den leuchtenden Befreier.

Noch fast sie nicht die ganze süße Luft,

Noch hängt an ihrer Wimper schweres Trauern;

Doch mehr und mehr erkennt sie schon den freund,

Und leis erbebt ihr Leib in Wonneschauern. -


Das Gedicht "Vorfrühling" stammt von (* 1862-10-07, † 1926-03-05).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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