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Erwartung der Weihnacht


Noch eine Nacht - und aus den Lüften

Herniederströmt das goldne Licht

Der wundersamen Weihnachtsfreude,

Verklärend jedes Ungesicht.

Und wieder klingt die alte Sage:

Wie einst die Lieb′ geboren ward,

Die unbegrenzte Menschenliebe

In einem Kindlein hold und zart.

 

Nun zieht ein süß erschauernd Ahnen

Durch Höhn und Tiefen, Flur und Feld.

Nun deckt geheimnisvoll ein Schleier

Des trauten Heimes kleine Welt.

Dahinter strahlt′s und lacht′s und flimmert′s

Und ist der süßen Rätsel voll,

Durch alle Räume weht ein Odem

Der Freunde, die da kommen soll.

 

Und draußen nicken Bäum′ und Büsche

So leis′ winterklarer Luft:

Die Kunde kommt, dass neues Leben

Sich wieder regt in tiefer Gruft.

Es knarrt die Eiche vor dem Fenster,

Sie träumt von langer Zeiten Lauf;

Da steigt wohl auch ein froh′ Erinnern

In ihre Krone still hinauf.

 

O weilt, ihr jugendschönen Stunden,

Verweile du, der Hoffnung Glück!

Vermöcht′ ich′s nur: mit allen Kräften

Der Seele hielt′ ich dich zurück.

Ihr süßen Träume es Erwartens,

Der Wunder und Gedicht voll,

Ihr seid noch schöner als der Jubel,

die Freude, die da kommen soll.



(* 07.10.1862, † 05.03.1926)




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