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An die Natur


Eine Ode

 

Der Stadt entflohn und ihrem Geräusch,

Flücht? ich dir zu,

Allgewalt′ge du, ew′ge Natur!

O, wie athmet mir auf die Brust

In wollustseligen Zügen,

Da nun der Menschen kleinliches Treiben

Und niederes Trachten völlig mir schwand!

Wie sie da drinnen rennen und jagen,

Drinn in der Gassen Gewirr,

Der Erde nichtiges Gut zu erringen,

Stets weiter entschweifend dem wahren, seligen Heil:

Verlassen haben sie dich, Allnährerin du,

Gleichwie ein verdorbenes Kind vom Busen der Mutter

Entflieht und in der Fremde schmutzigem Thun sich ergiebt.

Mit starren Dogmen, unbegriffen gepredigt,

Mit thörichter Satzung, zu üben erzwungene Sitte,

Mit ihnen haben sie Leib und Seele gefesselt,

Wie stählerne Panzer es thun;

Halbblind schon, jagen sie nach nun des Glückes Zerrbild, —

Die göttliche Schöne nicht mehr erkennend,

Scheint ihnen irdischer Glanz mehr, als das ewige Licht! —

So, vollkommenen Thoren gleich, siech und krank und geblendet,

Taumelt dies elend Geschlecht

Von dem Tage zur Nacht, durch alle Stunden und Jahre,

Ganz von Nebeln umwallet, von giftigem Dunste umhaucht,

Sich nicht mehr des Ew′gen bewußt.

Und unfrei sind sie geworden,

Jeder des eig′nen und auch des anderen Sklave:

Dich auch hat man vergessen, goldene Freiheit!

Wann leuchtest du vor nun, einfach schönes, ewig wahres Bild der Natur,

Wo leuchtest du vor nun aus der umnebelten Welt? —

Nimmer und nirgends! Man kennt dich nicht mehr! . .

 

Nun, so laß mich dich selber suchen, schließ auf deine Wunder!

Denn du bist mein Selbst, und jedes Blatt, das du zeigst,

Weist mir mein eigenes Bild!

Und jeder Ton, den ich höre, der bei dir zu mir tönt,

Jeder hat mir das Herz schon durchbebt!

Denn deine Leiden sind meine Leiden,

Und deine Freuden sind auch die meinen,

Und ich höre dich leise seufzen und klagen

In des Nachtwinds Geflüster, in des Baches Gemurmel,

Ich höre dich zürnen in des Sturmes Geheul,

Im Rollen des Donners, im Rasseln der Blitze

Und in der Wogen wüthender Brandung.

Und dann vertraust du mir all′ deine süßen Geheimnisse

In der Blumen Duft, in der Vögel Gesang,

In der Quelle Gespräch,

Und aufjauchzen hör′ ich dich wieder in des Morgenroths Schein,

Wann deine erwachenden Kinder dich grüßen!

Deine Athemzüge gar glaubt′ ich schon manchmal zu hören,

Wann in des Waldes Schatten ich dir am Busen geruht,

Und in tiefster Seele mir war′s,

Als müßt′ ich ganz hinüberfluthen in dich,

Tief in dein innerstes Herz!

Ja, du bist wie ein Meer, darin ein Leben

Entquillt und ewig zurückekehrt!

Und wie des Meeres Sprache erhaben,

So vernahm ich bei dir noch nie von nichtigem Tand,

Von thörichtem Plunder und starrsinn′ger Narrheit;

Nur Großes lebet in dir, nur Großes kannst du mir sagen!

Und weil′ ich bei dir, so kümmert mich nimmer

Des Menschendaseins nutzloses Elend;

In deinem Athem nur leb′ ich, und frei wie der Aar

Fliegt meine Seele hin, in seligen Schauern sich wiegend,

Hin durch das göttliche All!



(* 13.06.1854, † 08.10.1889)




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