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Traumbrücke


Über die Tage, über die hellen,

Wenn sie der Abend verdunkelt hat,

Schießen die langen, schießen die schnellen

Brücken des Traumes von Stadt zu Stadt.

 

Über die Wälder, über die Meere

Wölbt sich mitternächtig ihr Flug,

Weit wie der Wolken schweifende Heere,

Breit wie der Vögel wandernder Zug,

 

Vogelgleich, wolkenhaft, ohne Entgleiten,

Denn ihre Pfeiler stehn nahe bewahrt;

Aber die Ufer, aber die Weiten

Ziehn sich entgegen in rasender Fahrt:

 

Und es hebt sich zu der Spieluhr

Leisem Gang die Schlange weiß,

Die aus Königsgräbern auffuhr

In dem blitzgebahnten Gleis.

 

Und es schnellen tausendfachen

Winkes Götter Arm um Arm,

Von den Schalen, alten, flachen

Nährt sich ihrer Finger Schwarm.

 

Und es schwimmen nahe Wände

Fort in Urwald und Gestade,

Drinnen schlingen ohne Ende

Sich die vielbegangnen Pfade.

 

Unverhaltbar müssen spalten

Munde sich in langen Schrein

Und es brechen die Gestalten,

Die befreiten, in sich ein.

 

Aber beim Scheine des Morgens beschlugen

Sich die Gesichter mit Ferne und Licht,

Und die sich töteten und die sich trugen,

Liegen allein und erkannten sich nicht.



(* 20.08.1899, † 07.11.1929)




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