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Trost


Es war ein Mensch voll derber Muskelkraft,

voll steten Hungers, heißer Phantasie,

voll übermütigen Trotzes, wie sie Stärke

erzeugt in dem robust Gesunden.

Dieser

beging im Tage siebenmal so viel Sünden

als ein Gerechter. Mit der starken Faust

zerhieb er seines Nachbars Zaun und nahm sich

aus dessen Garten alle leckern Früchte,

die ihm gefielen.

Störte ihn ein Zweiter

bei einer seiner Tollheiten, so schlug er

ihn kurz entschlossen nieder.

Dieser Wilde

erkrankte einst.

In langen Fiebernächten,

wenn bei der Lampe Schein die Wärterin

mit halbgeschlossnen Augen schweigend träumte,

da ging ein Schlürfen, Schreiten, heimlich Schleichen

durchs Zimmer hin, und halbvermummt erschienen

all die Verbrechen, die er einstens frevelnd

begangen hatte. Rotverschleiert trat

der Mord zu ihm und fletschte seine Zähne,

der Raub kroch wie ein großer schwarzer Hund

am Boden hin und zog an seiner Decke,

die Prasserei, ein eklig feistes Weib,

trat an sein Bett mit halbverwesten Speisen,

in dunkler Eisenrüstung starrt ein Ritter

mit bleichem Totenkopf ihn an: der Haß.

Und viele andre kamen noch herbei

aus allen Ecken. Schweißgebadet lag

der Kranke da und stöhnte; doch sie ließen

nicht von ihm, grinsend lagerten sie sich

an seiner Seite hin und sahn ihn an.

Und eines Nachts erhob er sich im Bette

mit Augen, die zwei Krallen glichen, die

sich wehren wollen vor Entsetzlichem.

»Ich sterbe ... dort ... die rote Hölle ... dort

... sie thut sich rauchend auf ... schon lecken Flammen

nach mir mit tausend Zungen ... Hülfe, Hülfe!«

Da legt sich eine Hand wie weißes Licht,

das sich zur Form verdichtet, sanft und stillend

dem Todesangstergriffnen auf die Brust.

»Vergeltung lebt auf Erden nur, sie hat dich

in ihren heißen Feuern schon geläutert;

dort drüben giebts nur Frieden, keine Hölle«.



(* 22.07.1859, † 28.04.1927)




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