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Geburtstagsgruß


Heut war dein Todestag. Ich konnt nicht beten,

ich konnt nicht weinen; müde schwieg mein Herz.

Zur Nachtzeit war ich in den Wald getreten;

starr lag er da, wie eine Welt von Erz.

Schläfst du denn, Leben? Will sich gar nichts regen?

Mich dünkt, ich selber wär vor Leid versteint.

Es meidet mich der Thränen linder Segen,

und dieser Nacht bleibt selbst ihr Thau verneint.

So still, so ernst, so bleiern! Mitternacht!

Wohin hat sich das Leben denn verkrochen?

Als ob der Tod mit seiner schwarzen Pracht

erdrückt des Erdenherzschlags lautes Pochen.

Da ... nein, das .. ist ... o Gott, das ist ja Traum,

das muß ja Traum sein, denn die Wirklichkeit

erdichtet solche Wunderthaten kaum ...

Ein Vogel singt, um Mitternacht! .. ganz leise,

als flüstern liebe Lippen, singt er; schauernd

beugt sich mein Knie der wunderbaren Weise.

Das ist kein Vogel, was da oben singt,

das ist die fleischgewordene Erbarmung

der ewigen Liebe, die den Tod bezwingt

und Starres weckt zu seliger Erwarmung.

Und plötzlich dünkt der Wald mich ganz erhellt,

in weißen Kränzen seh ich Wesen gleiten,

die lichten Söhne einer andern Welt,

die nach der Schwester ihre Arme breiten.

Heut ist dein Todestag! Nun kann ich beten,

nun kann ich weinen ... Freudenthränen weinen ...



(* 22.07.1859, † 28.04.1927)




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