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Das Weib


Es war eine Geige;

unscheinbar und schlicht,

lehnte sie in einer Ecke

des prunkvollen Zimmers.

Ein großer Künstler

besaß die Geige ....

Es kamen Schüler

und Herren zu ihm,

um zu lernen

und um ihm zu schmeicheln;

feine Prinzen kamen zu ihm.

Manchmal hielten sie stumm

vor der Pforte des Hauses ..

Hatten die Sterne Stimmen bekommen?

War der Erde Feuer

in eine Seele geflohen

und schlug aus ihr

in tausend jauchzenden

klingenden Flammen?

Posaunten die Kriege

des jüngsten Tages

in erzenen Schreien

nieder?

Und die Lauscher

flogen hinauf in den Saal,

und sie trafen den Meister

mit brennenden Augen

und zitternden Pulsen.

»Wo ist das Werkzeug,

womit du den Himmel bethörst?«

riefen sie.

Er aber deutete

gelassen auf alle

die samtenen, güldenen

Kästen, darinnen

auf seidenen Kissen

die kostbaren Geigen

gebettet lagen.

»Es wird wohl eine

von diesen sein«.

Und die Schüler warfen sich

über die funkelnden

Instrumente.

Aber keines besaß die Seele,

die sie singen gehört.

Und sie spähten und suchten,

und quälten die Saiten,

aber vergeblich.

Derbe Töne voll irdischen Wohlklangs

entlockte ihr Bogen;

doch jene himmlische,

bachantisch süße,

tolle, berückende,

wehlüsterne, selige,

glückselige Seele

sang ihnen nicht ...

Da entdeckte einer

die unscheinbare

in der Ecke lehnende

schlichte Geige.

Und er ergriff sie,

und begann sie zum Tönen

zu bringen.

Doch eine kalte

gefühlleere Antwort

ward seiner glühenden Frage ...

Nachdenklich sinnend

verließen die Schüler

das Haus ihres Meisters.

Aber als er allein war,

trat er zu jener

unscheinbaren

schlichten Geige ...

Und er berührte sie;

und es schluchzte und jauchzte

aus ihren Saiten

bei seiner Liebkosung.

Und es schluchzte und jauchzte

bei seiner Liebkosung,

und es schienen Blumen

unter seinen zitternden Fingern zu sprießen,

und wie Lachen

blutig geküßter Lippen,

wie Küsse kleiner unschuldiger Vögel

kams aus den Saiten.

Heil dir Geige!

der nur der eine

Jauchzen des Himmels entlocken kann.



(* 22.07.1859, † 28.04.1927)




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