Albumblatt.

 

Die Blume, die aus ihrem stillen Thale

Verpflanzt wird in ein fernes, fremdes Land,

Prangt dort wie hier in holder Anmuth Fülle,

Ist sie gepflegt von zarter Liebe Hand;

Und siehst an ihrem Kelch du manchmal hangen

Ein Tröpflein, drauf die Morgensonne scheint,

So denk′ nicht, daß es Gramesthränen seien,

Die trübe sie in stiller Nacht geweint.

 

Wohl sind es Thränen, aber die nicht schmerzen,

Erinn′rung hat sie leise wach geküßt:

Wenn sanft ein Ton aus heimathlichen Fernen

Verwandten Klangs der Blume Seele grüßt,

Dann rinnt die Thräne, doch nicht herb und bitter,

Ein Opfer, der vergangnen Zeit geweiht,

Dann säuselt durch die Seele linde Wehmuth

Und sanfte Ruhe folgt dem süßen Leid.

 

So träumst gewiß auch du, wenn du geschieden,

Noch oft von deinem deutschen Vaterland,

Von deinen Kinder-, deinen Jugendtagen -

Bis dich verpflanzte zarter Liebe Hand

Und wie ich hoffe, daß dem Angedenken

Es manchmal heiß von deiner Wange quillt,

So soll dich stets mein treuster Wunsch geleiten,

Daß andres Weinen nie dein Auge füllt!


Das Gedicht "Einer Jugendfreundin" stammt von   (1821 - 1877).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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