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Am Grab des Bruders


Nach langem, langem Sehnen

An deinem Grab ich stand,

Nach vielen, bittren Tränen

Sah ich dies Stückchen Land,

Das Alles kalt bedecket,

Woran voll Zärtlichkeit,

Seit Leben ihm erwecket,

Das Kind hing allezeit!

 

Das Kind - o, Schmerz! ich habe

Dich anders nicht gekannt,

Stiegst jetzt du aus dem Grabe,

Du hättst mich kaum erkannt.

Doch wie ich so hier stehe,

Wird Eins mir wunderbar,

Trotz allem Schmerz und Wehe,

Im tiefsten Innern klar.

 

Zu früh mir hingeschwunden

Warst du mein Lebensstern,

Nach dem in allen Stunden

Ich sah zum Himmel gern;

Sein Strahl ward meine Leuchte,

Zog meinem Geist voran,

Zum Guten, Schönen zeigte,

Zur Wahrheit mir die Bahn.

 

Und dass in ewger Treue

Ihm stets gefolgt mein Herz,

Dass hier ich steh ohn Reue,

Dies sänftigt meinen Schmerz;

Dass tief mir im Gemüte

Dasselbe Feuer wacht,

Das deine Brust durchglühte

Mit seltner Liebesmacht.

 

So fühl ich mit Entzücken,

Stündst eben du vor mir,

Als Geistesschwester drücken

Würdst du ans Herz mich dir!

Die Hände segnend breiten

Auf meine Stirne bleich,

Mich wie in Kinderzeiten

Anlächeln mild und weich. -

 

Muss wieder von ihm gehen,

Dem schmerzlich teuren Ort,

Doch was mir dort geschehen,

Wirkt mutig in mir fort!

Dass so du in mir lebest

Für alle Ewigkeit,

Zum Höchsten mich erhebest -

Dies ist Unsterblichkeit!



(* 12.06.1821, † 28.11.1877)




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