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Spleen


Ich war zu lang bei Todten ...

O, so lange

Lag seine blasse Hand auf meinem Blick,

Dass fahle Schleier auf die Erde fielen -

Und alles ward so fern und schwer und todt.

Ich war zu lang bei Todten ... O, ich lechze

Nach neuem Leben, neuer grüner Luft,

- Vielleicht nach feuchten, weissen Hyacinthen

Mit ihrem quälend süssen Seelenduft -

Vielleicht nach feuchten, silbergrauen Tagen ...

Die Erde starrt so trostlos matt empor.

Vereist sind ihr die heissen Liebesverse,

Sie hüllt sich fröstelnd in ein weisses Lied ...

Das bleiche Winterlied ... das Lied der Menschheit ...

Da plötzlich huscht ein laues Weh′n dahin,

Und in der Luft, der herbgeschwellten, zittert

Ein ahnungsbanges, ungesproch′nes Wort,

So tief, so seltsam ...

 

O, ich sehne mich

Nach dämmerweichen, scheu verschwieg′nen Tagen

Mit lindem Rieseln, das hinunter strömt

Viel neue Glut und neue Frühlingskelche,

Und lispelndes Verheissen, ach und all

Die süssen, lichten, ew′gen Frühlingslügen ...



(* 27.04.1877, † 03.02.1897)




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