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Nach dem ersten nächtlichen Besuche


Bin ich nüchtern, bin ich trunken?

Wach ich oder träum ich nur?

Bin ich aus der Welt gesunken?

Bin ich anderer Natur?

Fühlt` ein Mädchen schon so was?

Wie begreif ich alles das?

 

Weiß ich, daß die Rosen blühen?

Hör ich jene Raben schrein?

Fühl ich, wie die Wangen glühen?

Schmeck ich einen Tropfen Wein?

Seh ich dieses Morgenrot?-

Tot sind alle Sinnen, tot!

 

Alle seid ihr denn gestillet?

Alle? Habet alle Dank!

Könnt ich so in mich gehüllet,

Ohne Speis und ohne Trank,

Nur so sitzen Tag für Tag

Bis zum letzten Herzensschlag.

 

In der Nacht der Freude fliehet

Meine Seele wieder hin!

Hört und schmeckt und fühlt und siehet

Mit dem feinen innren Sinn!

O Gedächtnis schon in dir

Liegt ein ganzer Himmel mir!

 

Worte, wie sie abgerissen

Kaum ein Seufzer von ihm stieß,

Hör ich wieder, fühl ihn küssen:

Welche Sprache sagt, wie süß?

Seh ein Tränchen - Komm herab!

Meine Lippe küßt dich ab!

 

Wie ich noch so vor ihm stehe,

Immer spreche: Gute Nacht!

Bald ihn stockend wieder flehe:

Bleibe, bis der Hahn erwacht!

Wie mein Fuß bei jedem Schritt

Wanket und mein Liebster mit!

 

Wie ich nun an seine Seite

Festgeklammert, küssend ihn

Durch den Garten hin begleite!

Bald uns halten, bald uns ziehn!

Wie da der Mond und Sterne stehn,

Unserm Abschied zuzusehn.

 

Ach, da sind wir an der Türe!

Bebend hält er in der Hand

Schon den Schlüssel.- Wart, ich spüre

Jemand gehen, Amarant!

Warte nur das bischen doch!

Einen Kuß zum Abschied noch!

 

Ich verliere, ich verliere

Mich in diesem Labyrinth!

Traumt ich je, daß ich erführe,

Was für Freuden Freuden sind?

Wenn die Freude töten kann,

Triffst du nie mich wieder an.



(* 13.07.1748, † 18.02.1828)




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