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Ode an Zeesen


Aus Jupiters Hand geschleudert

Donnerkeil

Im Juligewitter

Mein steinernes Herz

Du glühst nicht mehr -

 

Aus den Sternen gestürzt

Aus den Wolken geschüttet

Bruch

Wolkenbruch

Blitz

Donner

Aufschlagend am Feldgestein

Regenbogen

Verwirrt im Dorngesträuch

Du siebenfarbener Schleier

Zerfetzt

Ihr kleinen Heckenrosen

Ihr willigen Trösterinnen

Ihr haltet das flatternde Band der Tristitia.

 

Verwundet

Verwundert

Erblickt

Zwischen zwei ragenden Föhren

Das graue Auge

Den goldenen Tag

Blauer See

Blauer lauer See

Mückensingsong

Linde Ufer

Und der Winde Rufer

Springen durch das Korn

Unter ihren kühlen Sohlen

Beugen die heißen Halme sich zärtlich

Richten sich zärtlich auf

Und winken

Dem so herrlich taumelnden Mittagswinde nach.

 

Drüben vom Jenseits

Drüben vom Jenseits des Sees

Ruft der Kuckuck

Allen Lebenden ruft der Kuckuck

Tausend lebendige Jahre zu.

 

Hinein mit einem Hechtsprung

Zu den Hechten und Barschen

Hinaus aus den Binsen

In die schaumige Weite

Aufscheuchend die Frösche

Welche geblähter Kehle

Die Liebe locken die Liebste locken

Voll geiler Gier

Fische selbst und faulendes Holz bespringen

Denn es rast die Liebe in den Geschöpfen

Kitty die Hündin ist läufig

Und Bodo der Hund

Jault die Tage und Nächte nach ihr

Nimmt das Fressen nicht und magert bis auf die Rippen

Auf dem Dachfirst schnäbeln die Tauben

Im Wasser

Tanzt der Gründlinge silberner Reigen

Im Schilf

Jagen und jachtern blau schillernde Libellen

Und auf den Wogen des Sees

Sieh die Taucher schlank weißlichen Halses mit gelbem Kropf

Immer zu zweit

Segeln die Liebenden

Und auf dem Rücken trägt sorglich die Mutter

Die flaumige Zukunft das krächzende Kind.

 

Auch wir

Mädchen

Geliebte

Frau

Mensch

Immer zu zweit zu zweit seit zweien Jahren

Schwimmen wir auf den Wassern des Lebens

Auf den Zeesener Gewässern

Dahme Middelwede und großer Peetz.

 

Aus dem Luch

Erhebt sich ein Wind der wie Fuchs auf der Lauer lag

Zwischen Heidelbeerkraut und Moosen

Er springt dem See in den silbernen Nacken

Daß die Gischt aufspritzt wie weißes Blut

Es wogen die Wellen

Es wogen die Binsen

Es wogen die Felder

Es wogen die Wipfel der Bäume

Wir selber treiben auf den Wellen

Wie Wasser Gras und Buchenkrone

Auf und nieder

Auf und nieder

Auf und nieder.

 

Zurück an den Strand

Jetzt Sonne recke den feurigen Schild

Über unsre dampfenden Leiber

Zu heiß du flammender Ritter trifft uns dein roter Speer

Ihr schattenden Bäume

Vom Borkenkäfer durchwandert

Vom Specht beklopft

Ihr schattet mein müdes

Im Zittergras versinkendes Haupt

Ihr fächelt mit euren grünen Armen

Mit euren blättrigen Händen

Mir Trost und Vergessen zu

Sei bedankt

Geliebtes Geschwister

Akazie

Wie gerne starb ich den Schlaf

In deinen kühlen Armen

Wie gerne will ich den Tod

Einst in deinen Armen verschlafen

Will ich in deinem feuchten Schatten

Ach noch viele Ewigkeiten verschlafen

Wenn die grelle Mittagssommersonne

Die gemähte Stoppelwiese dörrt

Und zu meinen Füßen

Dämmert verdämmert Bodo der Hund.

 

He Bodo

Hierher Bodo

Wolfssohn

Willst du wohl die Gänse nicht scheuchen

Die heiligen Träger des Daunenschlafes

Die gütigen Behälter des Gänsefettes

Wackelnd mit den feisten dermaleinst gebratenen Gänsekeulen.

 

Ganz von fern wie ferner Krieg

Rollen

Auf der Königswusterhausener Bahn die Güterzüge.

 

Und ich sitze nackt auf der Veranda

Wie des Sommers Gott

Sitz ich nackt und faul auf der Veranda

Violett umblühen mich Bethulien

Mich umtanzen

Dicke Fliegen Filigran von Mücken

Pfauenauge und Zitronenfalter

Und ich hock und freß wie ein Kaninchen

Frischen mildesten Salat

Kohlrabi

Auch gezuckerte Johannisbeeren

Und danach ein Glas

Erdbeerbowle

Wie ein Mensch

Wie ein Gott

Und ich sitz und schwitz und freß und sauf

Und ich denk und träume

Nichts

Träum und denk das Nichts vom Nichts des Nichtses

Bin am Ende meiner Kräfte

Und am Anfang aller Seligkeit.

 

Hochbeladen mit dem gelben Korn

Schwankt der Wagen in die Scheune.

Und das brave Pferd umspringen bellend

Sieben schwarz und weiße Wolleknäuel

Sieben Terrier Basko Ratty Step

Tipsy Kitty Bill und Fap

Aus dem offenen Stall fegt eine Schwalbe

Drin im Stalle säugt die Kuh das Kälbchen.

 

Zwischen Bäumen

Wachsen schlanke steile dünne Eisensäulen

In den Horizont

Die Funktürme von Königswusterhausen

Hier Königswusterhausen auf Welle 1300

Achtung Achtung Achtung

Der Dichter Klabund spricht eigene Verse.

 

Er spricht mit abgehackter blecherner Stimme

Dieweil er im Grase liegt -

Das rechte Ohr an die Erde gepreßt

Horcht er auf den Herzschlag der Erde

Und auf den Wanderschritt des Maulwurfs

Er wirft die Worte in die Luft

Wie nicht entzündete Raketen

Sie brennen nicht

Sie leuchten nicht

Sie fallen zischend ins feuchte Gras

Achtung Achtung Achtung

Hochachtung Hochachtung Hochachtung

Ganz besondre Hochachtung

Ihm lauscht kein Mensch kein Wesen kein Tier

Die Luft spielt mit den Worten wie mit Brennesselsamen

Sie weht sie da und dorthin

Einige Participia bleiben in einer Konifere hängen

Ein strahlendes Adjektiv treibt Bauch nach oben wie

ein toter Fisch im See.

 

Aber ein liebliches Präpositum

Fiel in einen Baumritz

Einer Dryade in die Augenbrauen

Und kitzelte sie aus dem Schlaf

Zierlich trat sie aus dem dunklen Baumstamm ins grelle Licht

Und stand geblendet -

Da begannen die Grillen zu zirpen

Die Heuschrecken musikalisch ihre Hinterbeine zu reiben

Und der Jazz des Sommers rauschte auf

Meckernd fielen die Ziegen ein

Die Kuh blökte die Hunde bellten die Gänse schnatterten

In der Ferne Gewittergrollen

Die dumpfe Pauke des Donners

Gott sitzt am Schlagzeug

Yes Sir that′s my baby

Da stampfte die entfesselte Dryade den Charleston

Die braunen rötlich überkupferten Haare fielen ihr mähnig

über die Stirn

Wie einem Pony.

 

Tanz stampf tritt den Boden

Tritt die Erde daß sie dir Untertan sei

Die Erde dem Weibe

Wie seit Urbeginn

So heute

Zertritt die Butterblumen im Tanz

Was tut′s

Zermalme die kleinen roten Käfer im tollsten Takt

Töte die dir aufspielen zum Tanz mit deinen tanzenden Sohlen

Töte Grille und Heupferd

Tanze tanze

Töte töte

Schon springst du mir in den Nacken

Puma

Und tanzest auf meinen Knabenschultern

Yes Sir yes Sir

Den Jazz des Sommers.

 

Genug genug wilde Nymphe

Zieh dir den schwarzrotgestreiften Bademantel an

Und komm auf den Tennisplatz

Henry der Trainer wartet schon auf die gnädige Frau

Du schlägst die Bälle

Zwei Dutzend Bälle

Zwei Dutzend Menschenköpfe

Haarscharf übers Netz

Keinen Liebesblick

Keinen Ball

Läßt du aus.

 

Abends nach dem Essen

Yes Sir yes Sir

Steppst du im blauen Pyjama

Blauer Pyjama blauer Himmel blauer See -

Wie ein japanischer Ringer

Mit dem dicken gebräunten Sharakugesicht

Boxt der gewaltige Herr des Gutes

Rittergutes

Raubrittergutes

Zeesen

(Nach der Volkszählung von 1905 besaß der 352 Hektar umfassende

Gutsbezirk Zeesen 25 Einwohner)

Boxt die erhabene märkische Majestät

Den Raum

Boxt mit Träumen mathematischen Reihen Börsenkursen und

wilden Ziffern

Oberbedarf

Unterbedarf

Mannesmann

Weibesweib

Die Firmen Frisch Frank Fröhlich Frei haben

Geschäftsaufsicht angemeldet

 

Yes Sir that′s my baby

Noch ein Glas Bowle

Elektrisches Licht überm Garten

Sommernachtstraum

Ein Gang noch mit den englischen Terriern

Kitty Bill Tipsy Bosko Fatty Step Fap

Licht aus

Happy-end

Week-end.

 

Nachts

Schlafe ich schlecht

Durch geöffnete Fenster

Wandert die ganze Unterwelt

Weiße Spinner kommen geflattert mit riesigen roten Augen

Spanische Fliegen mit fetten grünen Bäuchen

Braune Motten und kleine Perlmutterfalter

Summende Mücken sirrende Gnitzen

Ihnen nach die Königin des Dunkels

Ihre Herrin und Vertilgerin

Die gefräßige

Fledermaus

Und am Boden raschelt′s: schwarze Schwaben

Aus der Mauer kriechen Tausendfüßler

Alles lärmt und knackt und surrt und raschelt

Plötzlich trappt und trippelt′s auf den Bohlen

Wie ein Pony trappelt und ein weißes

Tier steht wie gebäumt im Rabenschwarzen

Wie ein Schimmel auf den Hinterbeinen

Hebt die Vorderhufe drohend

Schnaubt gar grimmig durch die Nüstern

Schreien will ich mir verschlägt′s die Sprache

 

Da - ein Sprung - das Tier hockt auf dem Bettrand

Und umschlingt mich mit den weißen Armen

Drückt die heißen Lippen auf die meinen

Yes Sir that′s my baby.

Mein steinernes Herz - - -

Du glühst noch -



(* 04.11.1890, † 14.08.1928)




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