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Abschied vom großväterlichen Pfarrgarten


zu Osterdingen.

 

So geht es denn ans Scheiden,

Mein Jugendparadies,

Das mir so viele Freuden

Als Blumen blühen ließ,

Mit deinen Rosen allen

Im Sommersonnenschein,

Mit deinen Nachtigallen

Im schattenvollen Hain!

 

Noch einmal lass mich treten

Die lieben Pfade all,

Hier zwischen Blumenbeeten,

Dort auf begrastem Wall,

Auf deiner goldnen Brücke

Noch einmal führe heut

Die Seele mir zurücke

Zur frohen Kinderzeit!

 

Auch wenn am Frühlingsmorgen,

Im bunten Nelkenflor

Bis an die Brust verborgen,

Sich hier das Kind verlor,

Wie schwamm es da selig

In Farbe, Duft und Tau,

Wie wuchs ihm unabsehlich

Das Beet zur Blumenau!

 

Und dann dem Schmetterlinge

Zu folgenden Stundenlang,

Wenn er die Silberschwinge

Von Blum auf Blume schwang,

Bis übern Zaun die Straße

Er nahm im Sonnenschein,

Und wonnesatt im Grase

Das müde Kind schlief ein!

 

Doch wenn in Winterzeiten

Ich zum Gemüseland

Nur eilig durfte schreiten,

Großmütterlein zur Hand:

Horch, horch, wie dort im Winde

Die Pappel ächzt und saust!

So sprach sie, dass dem Kinde

Das kleine Herz ergraust.

 

Und als nun Stadt und Mauer

Das Vögelein umfing

Und in der Schule Bauer

Es eingefangen hin:

Wie spannt es froh die Flügel

Zum alten Paradies,

Wenn jährlich uns der Riegel

Zu kurzer Lust entließ!

 

Da grünte fröhlich wieder

Des Lebens goldner Baum

Und bot dem Chor der Brüder

Der Früchte süßen Schaum,

Man wusch vom Bücherstaube

Im Morgentau sich rein

Und gab dem Wind zum Raube

So Griechisch als Latein.

 

O träuermisch Vergnügen,

Die Sommerstunden lan

Im blühnden Gras zu liegen

In süßem Müßiggang,

Wenn summend rings im Kreise

Die Bienen sich bemühn

Und oben auf die Reise

Die Silberwolken ziehn!

 

Die Blumen zu erfrischen

Mit reichem Perlenguss,

Im höchsten Ast erwischen

Den Apfel und die Nuss,

Den süßen Most zu pressen

Der weiß das Rad umschäumt,

Da ward kein Jot vergessen,

Die Stunde nie versäumt.

 

Und ob auch oft die Beute

Zum Zankesapfel ward

Und man zertrat im Streite

Manch Blumenleben zart,

Und in zerknickten Ästen

Der Gartenpfahl sich fing:

Doch hatten wir zum besten

Gewählt den Kampfesring.

 

Denn über Burgruinen

Erwuchs dies Blumenreich,

Schlosswall und Graben grünen

Noch deutlich durchs Gesträuch,

Heinrich von Osterdingen

Sah oft im Abendwehn

Mit leisem Harfenklingen

Der Knabe vorübergehn.

 

Auch dich noch lass mich grüßen,

Geliebter Greis am Stab,

Obwohl die Blumen sprießen

Schon längst auf deinem Grab:

Noch seh ich dort dich schleichen

Im Baumgang, leicht gebückt,

Dieweil aus den Gesträuchen

Der Locken Silber blickt.

 

Als in der Kirche drüben

Dein heilig Amt war aus,

Ist dir noch hier geblieben

Das grüne Gotteshaus,

Als in Christi Garten

Gepflegt genug der Frucht,

Hier durftest du noch warten

Der leichtern Blumenzucht.

 

Und war die Hand, die greise,

Auch diesem Amt zu schwach,

Und sah dem jungen Reife

Gar manche Unart nach:

Es rankte sich die Wildnis

Nur holder immer mehr

Verhüllend um das Bildnis

Des alten Siedlers her.

 

Sie trugen eines kalten

Schneemorgens ihn hinaus,

Nun wird ein Andrer schalten

Im Garten und im Haus;

Er wird die Bäume lichten

Und neue Wege ziehn,

Er wird die Beete richten,

Dass andre Blumen blühn. –

 

Fahr wohl, mein grünes Gosen,

Wo sich zu Lieb und Lust

Mit jungen Maienrosen

Erschloss des Knaben Brust;

Den ich zum Abschied pflücke,

Der letzte Strauß ist dies,

Ich kehre nicht zurücke,

Mein Kindheitsparadies!



(* 30.01.1815, † 14.01.1890)




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