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Der Frosch, ein Doktor


Aus einem Teiche voller Rohr

Kroch einst ein dicker Frosch hervor;

Die Zeit ward ihm im Wasser lang,

Er nahm zur Lust d′rum einen Gang

Hin nach dem nächsten grünen Wald,

Dem angenehmen Aufenthalt

Von manchem groß′ und kleinen Thier.

Da stieg er voller Ruhmbegier

Auf einen runden Eichenklotz,

Sah um sich her mit edlem Trotz;

Und als sich auf den Blumenmatten

Viel Thier′ um ihn versammelt hatten,

Blies er die Backen auf und sprach:

Fühlt etwan wer ein Ungemach

An Leber, Lunge, Milz und Herzen;

Hat einer Pein, und große Schmerzen

Von Podagra, von Stein und Gicht;

Hat einer keine Oeffnung nicht;

Ist er von hektischer Natur;

Liegt er am Fieber, an der Ruhr,

An Cachexie, Epilepsie,

An Agrypnie, Hydropisie;

Hat er den Appetit verloren,

Fühlt Sausen, Brausen in den Ohren -

Der trete dreist zu mir heran,

Und nehme von mir Tropfen an!

Honnette Herr′n nach Standsgebühr,

Sie sehn den größten Doktor hier!

Ich bin die halbe Welt durchreist,

Und meinen großen Namen preist

Paris und London, Wien und Rom,

Der Rhein, der Main, der Donaustrom,

Denn Alles hab′ ich ausstudirt,

Und Tausende hab′ ich kurirt!

 

Die Thiere glaubten ihm zum Theil,

Und kamen schon in großer Eil′

Von allen Ecken hergelaufen,

Um Arzenei von ihm zu kaufen;

Da rief der Fuchs: Ihr armen Thoren!

Sagt, habt ihr den Verstand verloren?

Seht euren Doktor doch recht an,

Er ist ja selber übel d′ran!

Die Augen stehn ihm aus dem Kopf,

Die Brust kocht wie ein alter Topf,

Der Mund ist blaß, der Fuß geschwollen;

Der dicke Bauch hervorgequollen;

Kann Er hievon sich nicht befrei′n,

Wie will er And′rer Doktor seyn?



(* 01.05.1726, † 30.01.1777)




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