Der Mondenschein verwirret

die Täler weit und breit,

die Bächlein, wie verirret,

gehn durch die Einsamkeit.

 

Da drüben sah ich stehen

den Wald auf steiler Höh′,

die finstern Tannen sehen

in einen tiefen See.

 

Ein Kahn wohl sah ich ragen,

doch niemand, der es lenkt,

das Ruder war zerschlagen,

das Schifflein halb versenkt.

 

Eine Nixe auf dem Steine

flocht dort ihr goldnes Haar,

sie meint′, sie wär′ alleine,

und sang so wunderbar.

 

Sie sang und sang, in den Bäumen

und Quellen rauscht′ es sacht

und flüsterte wie in Träumen

die mondbeglänzte Nacht.

 

Ich aber stand erschrocken,

denn über Wald und Kluft

erklangen Morgenglocken

schon ferne durch die Luft.

 

Und hätt′ ich nicht vernommen

den Klang zu guter Stund′,

wär′ nimmermehr gekommen

aus diesem stillen Grund.

 


Das Gedicht "Der stille Grund" stammt von (* 1788-03-10, † 1857-11-26).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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