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Traum


Damon! hier in diesen grünen Grotten,

Wo die Zephyrs sich vertraulich küssen,

Und verliebte Vögel zärtlich scherzen,

Wünscht ich sehnlich, dich bey mir zu sehen:

Und sogleich schloß mir der Schlaf die Augen;

Und der süßen Träume listiges Schmeicheln

Suchte mich von neuem zu vergnügen.

Laß dir einen solchen Traum erzählen,

Meinen besten Traum, so lang ich träume:

Bacchus saß dort trunken in der Hecke;

Sahe mich von ferne einsam sitzen;

Wies mir lächelnd seinen vollen Becher;

Und rief heiser, und mit schwerer Zunge:

Höre, Mägdchen! was für schwarze Sorgen

Schwärmen da, auf deiner jungen Stirne?

Willst du nicht von diesem Safte trinken?

Nimm und trink! Dann wirst du freudig lachen!

Dann wird Kummer, Gram und Sorge weichen!

Als mir Bacchus so den Becher reichte;

Nahm ich ihn und wollte eben trinken:

Doch ich sah gleich hinterm Vater Bacchus

Venus Sohn, mit seinem schlimmen Bogen,

Und er zielte schon nach meinem Herzen;

Und er dräuete, mich zu verwunden.

Schreckhaft ließ ich drauf den Becher sinken!

Gleich verschwand mein Traum. Noch bin ich durstig.

Hätt ich wenigstens nur erst getrunken.

Hätt ich wenigstens nur drey und neunmal

Den verwünschten Becher ausgetrunken!



(* 25.11.1725, † 29.01.1782)




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