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An der Straßenecke


An der Straßenecke, in der Häuser Gedränge,

in der Großstadt wogender Menschenmenge,

inmitten von Wagen, Karren, Karossen

ist heimlich ein Märchenwald entsprossen,

von leisem Glockenklingen durchhallt:

von Weihnachtsbäumen ein Tannenwald.

Da hält ein Wagen, ein Diener steigt aus

und nimmt den größten Baum mit nach Haus.

Ein Mütterchen kommt, und prüft und wegt,

bis endlich den rechten sie heimwärts trägt.

Verloren zur Seite ein Stämmchen stand,

das fasste des Werkmanns ruhige Hand.

So sah ich einen Baum nach den andern

in Schloss und Haus und Hütte wandern,

und schimmernd zog mit jedem Baum

ein duftiger, glänzender Märchentraum. –

Frohschaukelnd auf der Zweige Spitzen

schneeweißgeflügelte Englein sitzen.

Die einen spielen auf Zinken und Flöten,

die andern blasen die kleinen Trompeten,

die wiegen Puppen, die tragen Konfekt,

die haben Bleisoldaten versteckt,

die schieben Puppentheaterkulissen,

die werfen sich mit goldenen Nüssen,

und ganz zuhöchst, in der Hand einen Kringel,

steht triumphierend ein pausbackiger Schlingel.

Da tönt ein Singen, ein Weihnachtsreigen –

verschwunden sind alle zwischen den Zweigen.

Am Tannenbaum hängt, was in Händen sie trugen.

Ein Jubelschrei schallt; und von unten lugen

mit Äuglein, hell wie Weihnachtslichter,

glückselig lachende Kindergesichter.



(* 09.03.1856, † 09.02.1929)




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