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Sieben schizophrene Sonette


1. Der grüne König

 

Wir, Johann, Amadeus Adelgreif,

Fürst von Saprunt und beiderlei Smeraldis,

Erzkaiser über allen Unterschleif

Und Obersäckelmeister vom Schmalkaldis

 

Erheben unsern grimmen Löwenschweif

Und dekretieren vor den leeren Saldis:

"Ihr Räuberhorden, eure Zeit ist reif.

Die Hahnenfeder ab, ihr Garibaldis.

 

Man sammle alle Blätter unserer Wälder

Und stanze Gold daraus, soviel man mag,

Das ausgedehnte Land braucht neue Gelder.

 

Und eine Hungersnot liegt klar am Tag.

Sofort versehe man die Schatzbehälter

Mit Blattgold aus dem nächsten Buchenschlag."

 

 

2. Die Erfindung

 

Als ich zum ersten Male diesen Narren

Mein neues Totenwäglein vorgeführt,

War alle Welt im Leichenhaus gerührt

Von ihren Selbstportraits und anderen Schmarren.

 

Sie sagten mir: nun wohl, das sei ein Karren,

Jedoch die Räder seien nicht geschmiert,

Auch sei es innen nicht genug verziert

Und schließlich wollten sie mich selbst verscharren.

 

Sie haben von der Sache nichts begriffen,

Als daß es wurmig zugeht im Geliege

Und wenn ich mich vor Lachen jetzt noch biege,

 

So ist es, weil sie drum herum gestanden,

Die Pfeife rauchten und den Mut nicht fanden,

Hineinzusteigen in die schwarze Wiege.

 

 

3. Der Dorfdadaist

 

In Schnabelschuhen und im Schnürkorsett

Hat er den Winter überstanden,

Als Schlangenmensch im Teufelskabinett

Gastierte er bei Vorstadtdilettanten.

 

Nun sich der Frühling wieder eingestellt

Und Frau Natura kräftig promenierte,

Hat ihn die Lappen- und Attrappenwelt

Verdrossen erst und schließlich degoutieret.

 

Er hat sich eine Laute aufgezimmert

Aus Kistenholz und langen Schneckenschrauben,

Die Saiten rasseln und die Stimme wimmert,

Doch läßt er sich die Illusion nicht rauben.

 

Er brüllt und johlt, als hinge er am Spieße.

Er schwenkt jucheiend seinen Brautzylinder.

Als Schellenkönig tanzt er auf der Wiese

Zum Purzelbaum der Narren und der Kinder.

 

 

4. Der Schizophrene

 

Ein Opfer der Zerstückung, ganz besessen

Bin ich - wie nennt ihr′s doch? - ein Schizophrene.

Ihr wollt, daß ich verschwinde von der Szene,

Um euren eigenen Anblick zu vergessen.

 

Ich aber werde eure Worte pressen

In des Sonettes dunkle Kantilene.

Es haben meine ätzenden Arsene

Das Blut euch bis zum Herzen schon durchmessen.

 

Des Tages Licht und der Gewohnheit Dauer

Behüten euch mit einer sichern Mauer

Vor meinem Aberwitz und grellem Wahne.

 

Doch plötzlich überfällt auch euch die Trauer.

Es rüttelt euch ein unterirdischer Schauer

Und ihr zergeht im Schwunge meiner Fahne.

 

 

5. Das Gespenst

 

Gewöhnlich kommt es, wenn die Lichter brennen.

Es poltert mit den Tellern und den Tassen.

Auf roten Schuhen schlurrt es in den nassen

Geschwenkten Nächten und man hört sein Flennen.

 

Von Zeit zu Zeit scheint es umherzurennen

Mit Trumpf, Atout und ausgespielten Assen.

Auf Seil und Räder scheint es aufzupassen

Und ist an seinem Lärmen zu erkennen.

 

Es ist beschäftigt in der Gängelschwemme

Und hochweis weht dann seine erzene Haube,

Auf seinen Fingern zittern Hahnenkämme,

 

Mit schrillen Glocken kugelt es im Staube.

Dann reißen plötzlich alle wehen Dämme

Und aus der Kuckucksuhr tritt eine Taube.

 

 

6. Der Pasquillant

 

Auch konnt es unserm Scharfsinn nicht entgehen,

Daß ein Herr Geist uns zu bemäkeln pflegt,

Indem er ein Pasquill zusammenträgt,

Das ihm die Winde um die Ohren säen.

 

Bald kritzelt er, bald hüpft er aufgeregt

Um uns herum, dann bleibt er zuckend stehen

Und reckt den Schwartenhals, um zu erspähen,

Was sich in unserm Kabinett bewegt.

 

Den Bleistiftstummel hat er ganz zerbissen,

Die Drillichnaht ist hinten aufgeschlissen,

Doch dünkt er sich ein Diplomatenjäger.

 

De fakto dient bewußter Schlingenleger

Dem Kastellan als Flur- und Straßenfeger

Und hat das Recht die Kübel auszugießen.

 

 

7. Intermezzo

 

Ich bin der große Gaukler Vauvert.

In hundert Flammen lauf ich einher.

Ich knie vor den Altären aus Sand,

Violette Sterne trägt mein Gewand.

Aus meinem Mund geht die Zeit hervor,

Die Menschen umfaß ich mit Auge und Ohr.

 

Ich bin aus dem Abgrund der falsche Prophet,

Der hinter den Rädern der Sonne steht.

Aus dem Meere, beschworen von dunkler Trompete,

Flieg ich im Dunste der Lügengebete.

Das Tympanum schlag ich mit großem Schall.

Ich hüte die Leichen im Wasserfall.

 

Ich bin der Geheimnisse lächelnder Ketzer,

Ein Buchstabenkönig und Alleszerschwätzer.

Hysteria clemens hab ich besungen

In jeder Gestalt ihrer Ausschweifungen.

Ein Spötter, ein Dichter, ein Literat

Streu ich der Worte verfängliche Saat.



(* 22.02.1886, † 14.09.1927)




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