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Naturstimmen


Fragment.

 

I.

 

Die freie Kraft, die in der Schöpfung waltet,

Die allbelebend jeden Raum durchdrungen,

Hat mit dem ersten Blümlein sich entaltet,

Ist aus des ersten Vögleins Lied geklungen.

 

Und diese Kraft hat nimmer sich veraltet

Sie hat sich durch Jahrtausende gerungen,

Hat sich zum freien Worte umgestaltet,

Und wird nun laut als Freiheitslied gesungen.

 

Die Freiheit haben wir von Gott gelernt —

Der Kraft, die nach Gesetzen frei erzeugt,

Die Welten schuf, die Himmel hat besternt.

 

Und hat die Menscheit sich von ihr entfernt,

Gibts Manchen doch, den die Natur gesaugt,

Und einen Sinn, der keinem Joch sich beugt.

 

II.

 

Und leise reget sich das freie Leben,

Das durch die Lüfte stürmt wie im Traum,

Die Blumen duften und die Schatten schweben -

Ein Ungeweihter hört die Sprache kaum.

 

Und Schwalbenfittige und Lüftchen heben

Die freien Kräfte in den Aetherraum,

Und aus des Mühlenrades Kerkerstäben

Springt frei hervor des Baches Schaum

 

Doch manchmal wird das Flüstern auch zur Stimme,

Die Kraft ertänt aus lautem Donnermund,

Der Bach stürzt über Felsen wie im Grimme,

 

Daß er im Falle perlenglänzend stimme,

Und lauter Sturm tobt durch den Waldesgrund

Als freies Lied durchs freie Erdenrund.

 

III.

 

Es war im Lenz als ich hinausgegangen

Ins grüne Feld mit hoffnungsvoller Lust,

Die Frühlingsluft umwehte mir die Wangen,

Daß ich in stiller Freude lächeln mußt.

 

Der Sonnenstral umzog mit goldnen Spangen

Der Frühlingserde jungfräuliche Brust,

Doch hielt er sie mit milden Glutverlangen,

Weil er des freien Athems Glück gewußt.

 

Die Blumen dufteten zum Himmelsbogen,

Vom blauen Liebesauge angelacht,

Und Blütenschnee kam leicht dahergeflogen.

 

Und diese Welt vom Friedensglück umzogen —

Dieß stille Glück - o hättet ihrs gedacht?

Hat freie Kraft im freien Raum gemacht.

 

IV.

 

So schritt ich selig durch die Frühlingsfeier,

Und wie ich still durch Feld und Wiese kam,

Wand mich ein Wald in seinen Schattenschleier,

Der grünend mich in seine Kühle nahm.

 

Und immer trauter, immer milder, freier

Des Waldes Friede liebend mich umschwamm,

Daß ich die Erde und ihr Schmerzgeleier,

Die ganze Welt vergaß und ihren Gram.

 

Hoch brausten über mir dei Eichenriesen,

Und ringsum prangte süßer Rosen Flur,

Die oftmals schon den Eichenwald gepriesen.

 

Daß er im Stamme ihnen Schutz erwiesen,

Daß er so treu war ohne Eid und Schwur

Als freier Sohn der freien Waldnatur.

 

V.

 

Bald hob den Blick ich auf zum Blätterdache,

Bald mahnte michs, daß nirgends Jubel fehle,

Da ringsum ja die Rosenflur mir lache.

 

So lauscht ich, stumm, daß jedes Wort ich

Der flüsternden, geheinmißvollen Sprache —

In süßem Zweifel, was ich lieber wähle,

Nicht wissend, ob ich träume oder wache.

 

Und zauberhaft es meine Sinne;

Der Waldesschatten sprach mit trautem Flüstern

Als sagt er mir, daß er ein Märchen spinne.

 

Als hätt der Waldbach ein Geheimniß inne,

So heimlich rann er durch das Waldesdüstern,

Und machte mich darnach unsäglich lüstern.

 

VI.

 

Ich komme her aus tiefem Waldesdunkel

So flüsterte der Bach vorüberrinnend,

Indeß ich in der Wellen hell Gefunkel

Mit heißer Sehnsucht blickte still und sinnend.

 

Wo Demant ruht und Silber und Karfunkel

Wo Kobold waltet, Goldgewänder spinnend,

Da woget meine Nymphe still im Dunkel

Auf goldnen Stufen Tageslicht gewinnend.

 

Mit Klagetönen ström ich aus der Erde,

Doch kaum erblick ich nur das Licht der Welt,

Kaum ahn ich nur, daß mir Befreiung werde,

 

Da spring ich laut mit jubelnder Geberde —

Von keinem Zwang der Erdennacht gequält,

Hinaus ins freie, blütenvolle Feld.



(* 20.08.1819, † 30.05.1904)




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