Nach oben

Das verlorene Paradies


Es hat die Dirne mich geküßt:

Da ward ich von süßem Taumel trunken, –

Und als ob es Frau Venus selber wär′,

Bin ich ihr an die wildwogenden Brüste gesunken . . .

 

Es hat die Dirne mich geküßt, –

Ihre reifrothen Lippen auf den meinen erblühten –

Da vergaß ich die harte Noth und den Tod

Und meiner Mutter liebfrommes Behüten . . .

 

Es hat die Dirne mich geküßt –

Da war′s mir, als quöllen Flammenbäche

Wie der Hölle Sengstrom durch meinen Leib, –

Als ob bacchantische Brunst mir den Schädel zerbreche! . .

 

Es hat die Dirne mich geküßt –

Schluchzend lag ich vor ihr im Staube –

Da war′s mir, als stürbe der Gott in mir,

Als stürb′ an sündlose Lieb′ mir der Glaube . .

 

Es hat die Dirne mich geküßt,

Da wußt′ ich, daß ich die Seele verloren –

Da wußt′ ich, daß ich dem Schacher gleich,

Meine Seele der Hölle zugeschworen! . . .

 

Es hat die Dirne mich geküßt –

Wohl trink′ ich in ihren Armen Wonne – –

In meinem Herzen aber ist Finsterniß,

Und verdorrt ist mir des Glückes Bronne! . . .

 

Verdorrt ist mir der lebendige Muth,

Für meine Brüder die Gasse zu bahnen, –

Zerbrochen hab′ ich die blitzende Wehr,

Zerbrochen die wurfzerfetzten Fahnen . . .

 

Seitdem die Dirne mich geküßt,

Kann ich nur ihr gehören zu eigen . . .

In Brünsten umklamm′re ich den weißen Leib

Und küsse sie – und der Rest ist Schweigen.



(* 12.07.1862, † 08.03.1890)




Bewertung:
0/5 bei 0 Stimmen

Kommentare

Mit dem Eintragen Ihres Kommentars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer angegebenen Daten gemäß unserer Datenschutzerklärung einverstanden.
  • Noch kein Kommetar vorhanden!