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Herbstlied


Lasst uns auf alle Berge gehen,

Wo jetzt der Wein zu Tale fliesst,

Und überall am nächsten stehen,

Wo sich der Freude Quell ergiesst,

Uns tief in allen Augen spiegeln,

Die durch das Rebenland erglühn!

Lasst uns das letzte Lied entriegeln,

Wo noch zwei rote Lippen blühn!

 

Seht, wie des Mondes Antlitz glühend

Im Rosenscheine aufersteht,

Indes die Sonne, freudesprühend,

Den Leib im Westmeer baden geht!

Wie auf der Jungfrau′n einer Wange

Der Widerschein des Mondes ruht,

Dieweil erhöht vom Niedergange,

Erglänzt der andern Purpurblut.

 

O küsset schnell die Himmelszeichen,

Eh′ sich verdunkelt die Natur!

Mag dann der Abglanz auch erbleichen,

Im Herzen loht die schönre Spur!

Mag sich, wer zu dem süssen Leben

Der Lieb′ im Lenz das Wort nicht fand,

Der holden Torheit nun ergeben,

Den Brausebecher in der Hand!

 

Wohl wird man edler durch das Leiden,

Und strenger durch erlebte Qual;

Doch hoch erglühn in guten Freuden,

Das adelt Seel′ und Leib zumal.

Und liebt der Himmel seine Kinder,

Wo Tränen er durch Leid erpresst,

So liebt er jene drum nicht minder,

Die er vor Freude weinen lässt.

 

Und sehnen blasse Gramgenossen

Sich nach dem Grab in ihrer Not,

Wem hell des Lebens Born geflossen,

Der scheut noch weniger den Tod!

Taucht euch ins Bad der Lust, ins klare,

Das euch die kurze Stunde gönnt,

Dass auch für alles heilig Wahre

Ihr jede Stunde sterben könnt!



(* 19.07.1819, † 15.07.1890)




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