Die Unendlichkeit

Immer lieb war mir dieser einsame

Hügel und das Gehölz, das fast ringsum

ausschließt vom fernen Aufruhn der Himmel

den Blick. Sitzend und schauend bild ich unendliche

Räume jenseits mir ein und mehr als

menschliches Schweigen und Ruhe vom Grunde der Ruh.

Und über ein Kleines geht mein Herz ganz ohne

Furcht damit um. Und wenn in dem Buschwerk

aufrauscht der Wind, so überkommt es mich, dass ich

dieses Lautsein vergleiche mit jener endlosen Stillheit.

Und mir fällt das Ewige ein

und daneben die alten Jahreszeiten und diese

daseiende Zeit, die lebendige, tönende. Also

sinkt der Gedanke mir weg ins Übermaß. Unter-

gehen in diesem Meer ist inniger Schiffbruch.

 

(Übersetzung: Rainer Maria Rilke)

 

Das Unendliche

Lieb war mir stets hier der verlass′ne Hügel

und diese Hecke, die vom fernsten Umkreis

so viel vor meinem Blick verborgen hält.

Doch hinter ihr - wenn ich so sitze, schaue,

endlose Weiten, formt sich dort mein Denken,

ein Schweigen, wie es Menschen nicht vermögen,

und tiefste Ruhe; da verlernt die Seele

das Fürchten bald. Und wenn des Windes Rauschen

durch diese Bäume geht, halt ich die Stimme

dem Schweigen, dem unendlichen, entgegen,

ihm zum Vergleich: des Ewigen gedenk ich,

der toten Jahreszeiten und der einen,

die heute lebt und tönt. Und so versinken

im Unermeßlichen mir die Gedanken,

und Schiffbruch ist mir süß in diesem Meere.

 

(Übersetzung: Hanno Helbling)

 

L′Infinito

Sempre caro mi fu quest’ermo colle,

e questa siepe, che da tanta parte

dell’ultimo orizzonte il guardo esclude.

Ma sedendo e mirando, interminati

spazi di là da quella, e sovrumani

silenzi, e profondissima quïete

io nel pensier mi fingo, ove per poco

il cor non si spaura. E come il vento

odo stormir tra queste piante, io quello

infinito silenzio a questa voce

vo comparando: e mi sovvien l’eterno,

e le morte stagioni, e la presente

e viva, e il suon di lei. Così tra questa

immensità s’annega il pensier mio:

e il naufragar m’è dolce in questo mare.

 

(Original: Italienisch)


Das Gedicht "Die Unendlichkeit / Das Unendliche (L′Infinito)" stammt von (* 1798-06-29, † 1837-06-14).





Ein Gedicht ist eine besondere sprachliche Ausdrucksform, das aus Versen (und Strophen) besteht, die sich i.d.R. reimen.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern verdichten Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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