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Romanze in allen Regenbogenfarben


Komm auf mein Schiff! Heut bin ich der Baas, der Herr meines Tages!

Menschlich und warm wie aufgestanden vom Tisch des Gelages – –

Unter deinen weißglacéenen Schühchen, wundervoll,

Schaukelt würzig braungeteerte Planke hohl –

Schau: die nackten, bronzebraunen Ruderknechte!

Manche tausend Rupien wert, die magren Hechte,

Wie sie listig laustern, blinzelnd gieren, stieren,

Die in Schweiß und Bravheit an der Eichenbank vertieren,

Sehn sie nur dein gelbes Bast-Rohseidenkleid,

Deine elegant umbauschte, damenhafte Zierlichkeit,

Und dein blaupariser Hütchen mit der riesigroten Pluderrose –

»Vorwärts! Lümmels! Ruder raus! Daß ich mich nicht um euch erbose!

Denn ihr wißt, die Nilpferdpeitschenriemen

Ziehen höllisch heiße, sichtbarliche Striemen!« – –

Blähend wölbt wie eine Wolke lichtes Segel straff am Mast.

Rasselnd, knirschen schwenken Hebeprähme Tonnenlast.

Orlog-Flagge, Wimpel hoch! Es kommt der anmutbleiche Gast!

»Platz! Platz! ihr schwarzbequalmte, ölbekleckste Trimmer!

Saht ihr je solch Eiderdaunchen, solch ein Frauenzimmer?

Liebste Dame, schnell! Wie mich dein blondes Kopfoval berückt,

Würden diese zahmen Biester sicherlich aus Rand und Band verrückt,

Sähen sie die Sonne deines Lächelns deinem Angesicht erblühn,

Deine kleinen Mandelaugen, deiner elfenbeinern Zähne Sprühn –

Hier spürst du schon vom Speisen-Vielerlei aus der Kombüse

Süßen Ruch von Butterfischen, Reisgeflügel und Gemüse –

Und diese blankpolierte Treppe fällt zu meiner Friedenshütte,

Tief im warmen Bauch des Schiffes: Oase mein, Kajüte!

Ledersessel drinnen, Delfter Teller, Haarlem-Tulpen,

Java-Batiks. Katze aus Angora und Brabanter Stulpen,

Koran, Bibel und Petrarkas Oden an die Laura –

›Vaer saa good, kom ind: kaere Monna Guttadaura!‹

Ich weiß, du liebst die satten Purpurweine aus Burgund,

Und ich lieb deinen appetitlich kleinen, rosa Muschelmund!

Fort mit Logbuch, Karten und Sextanten!

In diese blumiggrüne Kapsel zwischen Wanten, Spanten

Kommt mir niemand, Pedro! Du stehst Posten!«

Braver Kerl, kam aus Nova das Glut, salzig Wasser mal zu kosten.

 

Träume, trinke – säume, sinke – küsse, küsse!

In dem Weltmeer wimmeln einig tausend Flüsse – –

Du weißt nicht, wie smaragden Blumenquallen schimmern,

Wie abends unterm Deck zum Dudelsack die Neger wimmern,

Wie toller Gischt, den Vordersteven überschießend, brüllt,

Wie unter dem Äquator Wahnsinn in den heiseren Kehlen krüllt,

Wie überblühte Tropennächte gläsern tief erhellen,

Wie wilde, zerknüllende Luftzyklone schnellen,

Wie Sonnenbrände irrsinnig-göttlich über Welten gellen – –

Doch wenn der große Südpassat vom Horizonte schwillt,

Sanft auffliegend, wiegend, warm und mild,

Zugvögelschwärme, Flatterfische mit sich gießend,

Von Zimt, Vanille, gutem Erdgeruche überfließend –

Da wird uns Ahnung zärtlich schauern von Paradies und Eiland:

Ein Abendpfühl und Heimatbett und aller Sonne Freiland!

Schaumumtanzter Lotos: Otaheiti du, Palpete!

Kindlich grüner Palmenbüschel, Hasen mit Kanugewimmel –

Darüber: tönend, lichtzerspringend ungeheuer blauer Himmel.

Dort wollen wir leben, einfaltfroh, ergötzlich animalisch.

Wir werden, ein Urmenschenelternpaar, patriarchalisch

Unter steinzeitaltem Mangobaume sitzen,

Braune Kindeskinder werden Klappern oder Pfeile schnitzen –

Einmal morgens, wenn schon draußen Lichter auf den Wellen blitzen

Und wir aus sattem Schlaf vom warmen Leib die Arme lösen,

Kommt stöhnend, fern von fern, ein feines Rauschen von Getösen,

Wird voller, kommt und kommt, allmächtig wie Trompetenton –

Wellen wühlen schwärzer, Sturzschaumzacken drohn –

Brausend Wesen bäumt sich jäh empor –

Ferne Sintflut rauscht Weltuntergangschor.

Und aus dem Sturm hebt eine große Stimme an, sonor: – Einst – war – Europa – – –

Wir sitzen klein und unbeweglich, träumen, staunen –

Leichte Dünung plätschert wieder – fern: gedämpftes Raunen –

Aus stiller Brust rührt scheues Stammeln an den Gott.

Sonne schwebt, Mittagsonne höher, höher füllend

Stirnen, Schultern heiß betropfend hüllend.

– Bis aus den Mattenhütten unsre Kinder brechen

Und trällernd, plappernd,

Mit Rasseln klappernd,

Vom riesengroßen Haifischfange sprechen.

 

Komm schnell aufs Schiff! fix gesputet!

Man schlägt das Gong – die große Heulsirene tutet...

Abfahrt nach: Irgendwo – Flutenland...

So! – Reich mir deine Hand...

Spring!



(* 21.10.1890, † 13.10.1918)




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