Nach oben

Ihr Bild


Nach dem Französischen

 

Verfolgt vom edelsten der Triebe,

Der sonst das Herz mit Lust beseelt,

Verfolgt von hoffnungsloser Liebe,

Und durch Erinnerung gequält,

 

Leg' ich die schönsten meiner Tage,

Von stillem Gram verzehrt, zurück.

Mir scheint das Leben eine Plage,

Der Tod Gewinn, das Grab ein Glück.

 

Ich suche meinen Geist vergebens

Durch andre Bilder zu zerstreun,

Und dieses bangen, kurzen Lebens

Mich Einmal, Einmal noch zu freun.

 

Ich flieh die laute Stadt, und wähle

Zum Aufenthalt das stille Land,

Hier suchet ängstlich meine Seele

Die Ruhe, die sie dort nicht fand,

 

Doch ach! umsonst! denn mich begleiten

Die Wehmuth, und ihr schönes Bild,

Das jeden Raum und alle Zeiten

Wie Gottes Gegenwart erfüllt.

 

Ich seh' es in der Morgenröthe

Und Abenddämmerung mir nahn,

Es schwebt auf jedem Blumenbeete,

Es irrt um jeden Wiesenplan.

 

Ich seh' in Rosen ihre Wangen,

Ich seh' in Lilien ihre Hand,

In nelken ihre Lippen prangen,

Und in den Tulpen ihr Gewand,

 

Seh' in dem Veilchen, das, vom Strauche

Beschattet, blüht, der Holden Blick,

Fühl' ihren Kuss in Zephyrs Hauche,

Und sehne mich zur Stadt zurück.

 

Die Laube grünt: könnt' ich's vergessen,

Was dieser Anblick mir erneut!

Wie oft ich hier bey ihr gesessen,

Und meines Daseyns mich gefreut!

 

Ich schleiche vom beblümten Hügel

Hinab zum perlenklaren Bach,

Und seh' ihr Bild im Wasserspiegel,

Und folg' ihm unwillkürlich nach:

 

Und flieht's mich gleich auf Augenblicke;

So such' ich's ängstlich wieder auf,

Wünsch immer meinen Schmerz zurücke,

Und reisse meine Wunden auf.

 

Nichts ist in jener Himmelssphäre,

Nichts ist auf diesem Erdenball,

Das nicht für mich Erinnrung wäre:

Ihr Bild verfolgt mich überall.

 

Sogar an Gottes heil'ger Stäte,

Wenn andachtsvoll die Seele sich

In Gott versöhnende Gebethe

Ergiessen sollte, stört es mich.

 

Doch, ach! verstummt ihr bangen Klagen!

Hier werd' ich sie nie wieder sehn.

Doch was ich hier nicht durfte sagen,

Soll dort ihr einst mein Mund gestehn.

 

An jenem Ort werd' ich sie sprechen,

Wo nie des Kummers Thräne fliesst,

Wo Gegenliebe kein verbrechen,

Und Zärtlichkeit kein Laster ist:

 

In Gottes lichterfüllter Halle,

Am Quell des Guten seh' ich sie.

Steil ist der Weg; wir gehen ihn alle,

Nur, Einer spät, der Andre früh.



(* 24.03.1768, † 24.07.1839)




Bewertung:
0/5 bei 0 Stimmen

Kommentare

Mit dem Eintragen Ihres Kommentars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer angegebenen Daten gemäß unserer Datenschutzerklärung einverstanden.
  • Noch kein Kommentar vorhanden!