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Die sechste Stunde des Abends


Die Stunde, der ich sehnsuchtsvoll

Den ganzen Tag entgegen blickte,

Und die zur Göttin mich entzückte,

Wenn mir ihr letzter Schlag erscholl,

 

Die schlägt nun nicht für mich und Ihn

Zum Wiedersehn das Losungszeichen:

Und matt, wie welke Kranke, schleichen

Die traurigen Minuten hin,

 

Doch selbst in dieser Einsamkeit,

Dem Liebesgram so angemessen,

Sey (hättest du mich auch vergessen)

Dies Liedchen dennoch dir geweiht.

 

So fern du meinen Blicken bist,

So nahe bist du diesem Herzen,

So gegenwärtig, dass der Schmerzen

Der Trennung nur ein Traum noch ist.

 

Du holde Göttinn, Phantasie,

Trägt mich auf ihrem raschen Flügel

Schnell über Wald und Thal und Hügel,

Und so – vermiss ich dich fast nie.

 

Was mir des Schicksals Macht entreisst,

Kann mein Gedankenflug ereilen.

Was ist ein Zwischenraum von Meilen? -

Kaum eine Spanne für den Geist.

 

Gleich deinem Schatten folgt er dir

Zum Freudenfest, zur niedern Hütte,

Und in der Assembleen Mitte,

Und spricht ein leises Wort von mir.

 

Selbst dann, wann du dich ungesehn

In deinem Stübchen einsam glaubest,

Und dir durch Wahn die Ruhe raubest,

Umgiebt er dich mit leisem Wehn.

 

Du wähnst dann, das Verdienst sey dein,

Und hältst es für Erinnerungen.

Das magst du! wenn's ihm nur gelungen,

Mein Angedenken zu erneun.



(* 24.03.1768, † 24.07.1839)




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