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Der Genfersee


An deinen Ufern, wo, vom Winzerheerd

Bis zu des Burgpalastes Marmorhallen,

Der Überfluß sein goldnes Füllhorn leert,

So weit der Freiheit Jubelhymnen schallen;

 

Wo stets die Freude mir, sokratisch mild,

Die unbewölkte Stirn mit Efeu kränzte

Seitdem des weifsen Berges Riesenbild

Zum erstenmal in deiner Flut mir glänzte;

 

Wo einsam, auf bemooster Felsenwand,

Am Bergstrom, der aus Tannendunkel schäumte,

Mein Geist, an Xenofons und Platons Hand,

Sich des Jlissus Mirtenhaine träumte;

 

Wo meine Blicke, der Natur geweiht,

An ihr, wie Bienen an der Blüte, langen:

O See! schwebt mein Gesang in jene Zeit

Als menschenleere Wüsten dich umfingen.

 

Da wälzte, wo im Abendlichte dort,

Geneva, deine Zinnen sich erheben,

Der Rhodan seine Wogen trauernd fort,

Von schauervoller Haine Nacht umgeben

 

Da hörte deine Paradiesesflur,

Du stilles Thal, voll blühender Gehege,

Die großen Harmonien der Wildniß nur,

Orkan und Thiergeheul und Donnerschläge.

 

Kein Lustgesang der Traubenleserin,

Kein Erntejubel, keines Hirten Flöte,

Kein schmetternd Horn aus reicher Wälder Grün,

Begrüßte da den Stern der Abendröthe.

 

Kein Rundetanz im sanften Vollmondschein!

Kein Freudenmahl vor Teils verehrtem Bilde!

Kein Gang der Liebenden im Frühlingshain,

An Veilchen reich wie Attikas Gefilde!

 

Die Öde schwieg; wenn auf verwachsnem Pfad,

Wo nur der Bär in Felsenklüften hauste,

Nicht etwa noch des Sees gewohntem Bad,

Ein Uhr mit wilder Lust entgegenbrauste.

 

Als senkte sich sein zweifelhafter Schein

Auf eines Weltballs ausgebrannte Trümmer,

So goß der Mond auf diese Wüstenein,

Voll trüber Nebeldämmrung, seine Schimmer,

 

Da hieß aus dieses Chaos alter Nacht,

Der Herr, so weit des Lemans Fluten wallten,

Voll sanfter Anmuth, voll erhabner Pracht,

Sich zauberisch dies Paradies entfalten.

 

Dies stolzumthürmte Land, gleich Tempes Flur,

Mit jedem Reiz der Schöpfung übergossen!

Dies Wunderwerk der göttlichen Natur,

Von Schönheit, wie von Glanz die Sonn′, umflossen!

 

Wo jener, dessen heiigen Aschenkrug

Mit Eichenlaub die Wahrheit selbst umwunden,

Die Bahn zum unerreichten Adlerllug

′In Heloisens Zauberwelt gefunden.

 

O Ciarens! friedlich am Gestad′ erhöht,

Dein Name wird im Buch der Zeiten leben.

O Meillerie! voll rauher Majestät,

Dein Ruhm wird zu den Sternen sich erheben.

 

Zu deinen Felsen, die den Einsturz dränn,

In deren Schlund, wo nie die Dämmrung tagte,

Um Julien, mit Safos wilder Pein,

Mit Orfeus Thronen, der Verbannte klagte;

 

Zu deinen Gipfeln, wo der Adler schwebt,

Und aus Gewölk erzürnte Ströme fallen,

Wird oft, von süfsen Schauern tief durchbebt,

An der Geliebten Arm, der Fremdling wallen.

 

Und war ich auch, mit Hallers Wissenschaft,

Von Grönlands Eis bis zu Taytis Wogen,

Mit Geßners Blick, mit Ansons Heldenkraft,

Mit Claude Lorrains Knnst die Erd′ umflogen:

 

Doch weiht′ ich ewig, im Erinnrungstraum,

Nur dir der Sehnsucht und des Dankes Thränen;

Doch würd′ ich mich in jedem Schöpfungsraum,

O See! verbannt aus deinen Himmeln wähnen.

 

Schön ists, von Ätnas Haupt des Meeres Plan,

Voll grüner Eiland′, und die Fabelauen

Siziliens mid Strombolis Volkan

Begläuzt von Föbus erstem Stral zu schauen:

 

Doch schöner, wann der Sommertag sich neigt,

Den Zaubersee, hoch von der Dole Bücken,

Wie Lunas Silberhörner sanft gebeugt,

Umragt von Riesengipfeln, zu erblicken.

 

Süß ists, am Wogensturz in Tiburs Hain,

Wo Flakkus oft, entflolm den Schattenchören,

Im Mondlicht wandelt, bey Albanerwein,

Den Genius der Vorwelt zu beschwören:

 

Doch süfser noch, in Prangins Göttervvald,

Wann seine Laubgewölbe sich erneuern,

Und weitumher der Vögel Mailied schallt,

Erhabner Freundschaft Bundestag zu feiern.

 

Entzückend ists, wann donnernd himmelan

Des Feuerberges Wogen sich erheben,

Auf Napels Golf, bey Nacht, im leichten Kahn,

In magischer Beleuchtung hinzuschweben:

 

Mit höhrer Lust sieht auf des Lemans Flut,

Wann Thal und Hügel schon inDämmrung sinken,

Der hohen Eiswelt reine Purpurglut

Mein Äug′ aus dunkler Klarheit wiederblinken.

 

Auf Hellas Höhn erblickt der Wandrer mir,

Von Resten alter Herrlichkeit umgeben,

Der Tirannei tiefeingedrückte Spur,

So reizend auch sich Meer und Land verweben:

 

Hier segn′ ich froh Helveziens Geschick,

Hier wo die Flur des Fleifses Lohn verkündet,

Hier theilt mein Herz des freien Volkes Glück,

Auf Menschenrecht und auf Vernunft gegründet.

 

Am Strand der Seine tobt Gewittersturm;

Denn Gallien erwacht mit Löwengrimme!

Die Ketie fällt; des Elends Riesenthurm,

O Freiheit! stürzt vor deiner Donnerstimme.

 

Am Leman weht des Friedens Palmenzweig!

In Stadt und Dorf erschallt das Lied der Freude;

Zufrieden, wähnt der ärmste Hirt sich reich,

Und Einiracht schüz′t der Freiheit Felsgebäude.

 

An diesem Hain, vom Erlenbach durchtanzt,

Ein Gärtchen nur vor einer kleinen Hütte,

Mit schlanken Pappeln malerisch umpflanzt,

Ist alles was ich vom Geschick erbitte.

 

Hier würde mir die Weisheit Rosen streun,

Des Himmels Friede meinen Geist umfliefsen,

Und einst, o goldnes Bild! im Abendschein,

Die Freundschaft mir die Augen weinend schliefsen.

 

Hell würde sich des reinsten Glückes Spur

Mir dann entwölken, fern- vom Weltgetümmel.

Wo Liebe, Freundschaft, Weisheit und Natur

In frommer Eintracht wohnen, ist der Himmel.

 

Auf jenem Vorland, von der Wog′ umranscht,

Wo die Betrachtung gern, auf grünen Malten,

Die leisen Tritte der Natur belauscht,

Erhübe sich mein Grab im Eichenschatten.

 

Kein Marmorbild, kein thatenreicher Stein,

Vor dem errüthend sich die Wahrheit wendet,

Entehrte des Entschlummerten Gebein,

Den eitler Größe Schimmer nie geblendet.

 

Die Rose nur würd′ über meinen Staub

Des zarten Mooses Wohlgeruch verhauchen,

Der Thränenweiche niederhangend Laub

Mit leisem Flüstern in die Flut sich tauchen;

 

Die Nachtigall, vom Lenzgesträuch umblüht,

Um ihren Freund dort in der Dämmrung klagen,

Und Dafne mir, von Zärtlichkeit durchglüht,

Das Opfer einer Thräne nicht versagen.

 

Auch würd′ im Dorfe bald die Sage gehn,

Daß dort gedämpft, wie ferne Bienenchöre,

Sanft, wie am Blütcnbaum des Frühlings Wehn,

Der Hirt in stiller Mondnacht Lieder höre.



(* 23.01.1761, † 12.03.1831)




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