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Die Alte


Zu meiner Zeit, zu meiner Zeit

Bestand noch Recht und Billigkeit.

Da wurden auch aus Kindern Leute,

Aus tugendhaften Mädchen Bräute;

Doch alles mit Bescheidenheit.

O gute Zeit, o gute Zeit!

Es ward kein Jüngling zum Verräter,

Und unsre Jungfern freiten später,

Sie reizten nicht der Mütter Neid.

O gute, Zeit, o gute Zeit!

 

Zu meiner Zeit, zu meiner Zeit

Befliß man sich der Heimlichkeit.

Genoß der Jüngling ein Vergnügen,

So war er dankbar und verschwiegen;

Doch jetzt entdeckt er′s ungescheut.

O schlimme Zeit, o schlimme Zeit!

Die Regung mütterlicher Triebe,

Der Vorwitz und der Geist der Liebe

Fährt jetzt oft schon in′s Flügelkleid.

O schlimme Zeit, o schlimme Zeit!

 

Zu meiner Zeit, zu meiner Zeit

ward Pflicht und Ordnung nicht entweiht.

Der Mann ward, wie es sich geblühret,

Von einer lieben Frau regieret,

Trotz seiner stolzen Männlichkeit.

O gute Zeit, o gute Zeit!

Die Fromme herrschte nur gelinder,

Uns blieb der Hut und ihm die Kinder;

Das war die Mode weit und breit.

O gute Zeit, o gute Zeit!

 

Zu meiner Zeit, zu meiner Zeit

war noch in Ehen Einigkeit.

Jetzt darf der Mann uns fast gebieten,

Uns widersprechen und uns hüten,

Wo man mit Freunden sich erfreut.

O schlimme Zeit, o schlimme Zeit!

Mit dieser Neuerung im Lande,

Mit diesem Fluch im Ehestande

Hat ein Komet uns längst bedräut.

O schlimme Zeit, o schlimme Zeit!



(* 23.04.1708, † 28.10.1754)




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