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Der Eremit und das Glück


Es lebt ein Eremit, der, eitlem Zwange feind,

Die Kunst der schlauen Wollust lernet,

Die keine Mühe kennt, vom Ekel weit entfernet,

Nach dem Genusse schöner scheint.

 

Verzeiht es mir, erhabne Musensöhne,

Für die schon unsre Pflicht den Lorbeerkranz bestellt,

Mein Held ist kein gelehrter Held;

Und er besaß auf dieser Welt

Nichts, als ein Buch, ein Glas, und eine Schöne.

Doch diese drei, ihn zu erfreun,

Sind, wie man sagt, nur selten ungelesen,

Unangefüllt, und ungeküßt gewesen.

Er lebet. Wie gar viel schließt dieses Wort nicht ein!

Ihr Weisen, saget mir, heißt leben mehr, als sein?

 

Ihn hält ein Schieferdach vor Neid und Hohn verstecket.

Einst, als er unbesorgt bei seiner Phyllis saß,

Und so die Welt, wie ihn die Welt vergaß,

Ward er um Mitternacht durch einen Lärm geschrecket.

Man klopft an seine Thür. Er horcht. Wer ist′s? Das Glück.

Macht auf! ich bin es selbst. Ihr selbst? Wer darf es wagen,

Wer ist so groß, nur einen Augenblick

Dem Glück, und was ihm folgt, die Einkehr abzuschlagen?

Ihr zögert? macht uns auf! Der Eremite spricht:

Geht weiter, Freund, ich kenn′ euch nicht,

Die Herberg ist zu klein, zu schlecht, euch zu empfangen.

 

Ruhm, Ehre, Hoheit sind bei mir,

Erwiderte das Glück; sie kommen jetzt zu dir.

Das ist mir wahrlich leid; es ist kein Platz allhier.

Bewirthe doch zum mindsten das Verlangen.

 

Auch dieses wird, versetzt der Biedermann,

Hier diese Nacht kein Lager kriegen;

Man trifft ein einzig Bett hier an;

Und das gehöret dem Vergnügen.



(* 23.04.1708, † 28.10.1754)




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