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Der Canarienvogel und der Häher


Durch Fragen wird man klug. Man kömmt damit nach Rom.

Ein wahres Sprüchwort sagt′s, und selbst am Tiberstrom.

Allein wir müssen nicht mit Fragen die beehren,

Die selbst nicht fähig sind, was Gründliches zu lehren.

Kein Blinder zeigt den Weg. Ein Flaccus, ein Virgil

Zieht nicht den Bav zu Rath. Sie fragen den Quintil,

Den ganz gelehrten Freund. Warum? Ein halber Kenner

Verdient, zum höchsten, nur das Mitleid kluger Männer,

Wenn er von Meisterschaft, voll Hochmuth, Neid und Zwist,

An Witz ein Polyphem, an Wahn ein Argus ist.

 

Ein Vogel, der unlängst aus Teneriff gekommen,

Glich, Arigoni, dir, auch an Bescheidenheit,

War fast der einzige, der seine Trefflichkeit

Und seiner Stimme Reiz nicht g′nugsam wahrgenommen.

Der Sänger redet nun Marcolph, den Schreier, an,

Den Häher, welchem er sich auch nicht nähern sollen.

Sagt, sprach er, ob mein Ton euch recht gefallen kann:

Entdeckt mir, ob auch mich die Kenner dulden wollen?

Ich zweifle, lehrt Marcolph. Euch fehlt mein Unterricht:

Von mir läßt sich noch viel erfahren.

Die Kunstverständigen, wir Häher und die Staaren,

Wir Kenner loben euch noch nicht.

Folgt mir: ich singe fein, recht nach der Tonkunst Gründen,

Ihr trillert fremd und falsch: man hört euch an, und lacht.

 

Wer immer sich zum Schüler macht,

Wird immer einen Meister finden.



(* 23.04.1708, † 28.10.1754)




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