Ein Schüler des Diagoras,

Ein Bösewicht, der wenig glaubte,

Und seinem frechen Götterhaß

Die größte Frevelthat erlaubte,

Ging einstens, aus verruchtem Sinn,

Nach Delphos zum Orakel hin,

Mit atheistischem Vergnügen

Den Gott der Dichtkunst zu betrügen.

 

O Phöbus, (sprach er) dein Verstand

Erforschet die geheimsten Dinge.

Hier halt′ ich etwas in der Hand,

Das ich für dich zum Opfer bringe.

Du Sohn Latonens, gib Bericht:

Ist es am Leben? oder nicht?

Du weißt, es dient zu deiner Ehre,

Daß ich von dir die Wahrheit höre.

 

Er dachte: gibt man zum Bescheid,

Dein Vogel ist nicht mehr am Leben,

So will ich schon zur rechten Zeit

Ihm Flug und Freiheit wiedergeben.

Und wenn der schöne Leirer glaubt,

Der Athem sei ihm nicht geraubt,

So soll, auch dann ihn zu berücken,

Ein Druck den Vogel gleich ersticken.

 

Apollo übte nur Geduld,

Aus Mitleid mit der kühnen Schwäche,

Und sprach: Versuchst du meine Huld?

Du bist kaum werth, daß ich mich räche.

Zeuch deinen Sperling, o du Thor,

Lebendig oder todt hervor.

Die Götter lassen sich nicht äffen:

Ich kann von ferne sehn, und treffen.


Das Gedicht "Das Delphische Orakel und der Gottlose" stammt von   (1708 - 1754).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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