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Roland


Ein Heldengedicht in Romanzen nach Turpins Chronik

 

Was Turpin uns treu berichtet,

Alte Chronik alter Zeiten,

Von der Christenhelden Streiten,

Wie der Heiden Macht vernichtet;

Was so mancher seit gedichtet,

Kühne Sänger aller Orten,

Wie Roland nach hohen Taten,

Doch in Roncisvall verraten,

Aufging zu des Himmels Pforten;

Lest es hier in schlichten Worten.

 

Erste Romanze

 

Karol Magnus, deutscher Kaiser,

Hatte siegreich all′ die Lande

Von dem Meer zum Meer bezwungen,

England, Gallien und Italien,

Bei Burgunden, Bayern, Deutschen

Wehten hoch des Kreuzes Fahnen;

Aus des Orients weiter Ferne

Wundersam die Völker kamen,

Frohe Huldigung zu bringen

Vor den goldnen Stuhl in Aachen,

Wo des Nordens Heldenkinder

Auch die alten Schätze brachten.

Also pflag der hohe Kaiser,

Sicher nun in Frieden rastend,

Nach der Arbeit wilden Zeiten,

In des Glückes frohen Tagen,

Auf den Burgen jetzt der Ruhe.

Da er einstmals nun entschlafen,

Deucht′ am Himmel ihm zu sehen,

Bei der Friesen Meer anfangend,

Einen lichten Weg von Sternen,

Liebevoll die Lichter strahlend

Auf dem blauen Himmelsgrunde,

Welcher Weg dann an Navarra

Grade hinzog nach Galicien,

Durch die Felder von Hispanien;

Nach Galicien, wo der Leichnam

Jenes Pilgrim Gottgesandten,

Des Apostel Sankt Jakobus,

Unter Heiden lag vergraben.

Wie das Wunder nun ihm deuchte,

Lag ihm immer in Gedanken,

Was doch wohl bedeuten solle

Jene sternenlichte Bahne,

Die allnächtlich ihm erschienen.

Wie er ernstlich das bedachte,

In dem Sinnen war entschlummert,

Da erscheinet plötzlich nahe

Hochgestaltet ihm ein Held,

Würdevoll im Alter strahlend,

Hohen Hauptes, freundlich schauend,

Angetan mit braunem Mantel,

Nach der frommen Pilger Weise

Sanft gelehnt an mächt′gem Stabe.

Dieser auf den Kaiser blickend,

Wie, wenn er mit Augen fragte,

Sprach zu ihm die sanften Worte:

"Nun, mein Sohn, wohlan! was sagst du?"

Jener alsbald ihm erwidernd!

"O wer bist du, würd′ger Vater?" -

"Christi treuer Schüler bin ich

Und Johannis Bruder," sprach er,

"Der Jakobus, den der Herr einst

Über wilde Meere sandte,

Seine Liebe zu verkünden

In den weit entlegnen Landen,

Dessen Leichnam in Galicien

Jetzo ruht, noch unbekannt ist;

Denn noch herrschen Sarazenen

Schmachvoll dort in jenem Lande.

Wohl, mein Sohn, muß ich drob staunen,

Da besiegt von deinem Arme

So viel Völker dir sich beugen,

Burgen dir erstürmt so manche,

Sieg′ erfochten auch unzählig,

Daß du nur allein die Bande

Meines teuren Landes dorten

Nimmer noch zu lösen dachtest.

Da der Herr dich nun zum Ersten

Aller Erdenfürsten machte,

Sieh′! so hat er dich erkoren

Jener Heiden Grimm zu schlagen,

Und mein gutes Land befreiend,

Dich zu schmücken einst im Glanze

Mit der ew′gen Siegerkrone.

Jene lichte Sternenbahne,

Die am Himmelsgrund du sahest,

Liebevoll die Lichter strahlend,

Spricht von dir und deinen Scharen,

Wie ihr wandelt durch Gefahren,

Durch die Drachen Bahn euch schlagend,

In der Christen-Helden Glanze,

Durch die fernen Lande wandelnd

Bis zu meinem stillen Sarge,

Zu dem dann die Völker alle,

Fromm andächt′ge Pilger, wallen,

Dort das bange Herz entladen,

Dank und Preis dem Herren sagend. -

Auf denn, eile nun alsbald

Ich geleite dich fürwahr,

Bin dein Bundsmann überall,

Und für deine Mühe hart,

Schaff′ ich einst den Himmelskranz." -

Solchem Worte kühn vertrauend,

Ruft der Kaiser seine Scharen,

Zieht dahin mit mächt′gem Heere

In das schöne Land Hispanien.

Und die erste aller Burgen,

Die sie zu bestürmen kamen,

War von ehern festen Mauern,

Pampelona sie mit Namen,

Daß drei Monde schon vergebens

Dort die Helden mühvoll harrten,

Nimmer sie erstürmen mochten.

Da der gute Karl nun sahe

Solche Arbeit seiner Mannen,

Zu Jakobus er sich wandte,

Recht von Herzen im Gebete,

An sein Wort ihn fromm gemahnend.

Und alsbald erbebten jene

Felsenmauern, stürzten krachend,

Wie zersplittert, durch einander.

Da die Heiden das vernahmen,

Übergaben sie die Burgen,

Beugten all′ sich seinem Arme

Und gelobten ihm Gehorsam,

Warfen von sich gern die Waffen,

Und verehrten hoch die schönen,

Ritterlich geschmückten Franken,

Die in Sieg und Freude zogen

Hin zu des Jakobus Grabe,

Und von dorten hin zum Meere,

Wo der Kaiser seine Lanze

Weit hin in die Wogen schluge,

Gott und Sankt Jakobus dankend,

Dem er von dem roten Golde,

Was die Fürsten all′ ihm gaben,

Eine schöne Kirche baute,

Ewig Denkmal seines Grabes;

Und vom Meere bis zum Meere

War nun sein das Land Hispanien.

 

Zweite Romanze

 

Doch der grimme Agolante

Auf des Mohrenlandes Throne,

Wie er solche Kunde hörte,

Glühend rot im heißen Zorne,

Alle seine Mohren rief er,

Alle Gläub′gen an Mahoma.

Aus den afrikan′schen Wüsten

Kam der Schwarm herbeigezogen,

Schwarze Scharen aus dem Süden,

Wo die wilden Gluten toben.

All′ die Fürsten um den Sultan,

Nieder in den Staub geworfen

Zitterten vor seinem Blicke,

Still erwartend die Gebote.

Und es traten in die Kreise

Klagend nun die Trauerboten,

Wie der Franken Heer Hispanien

Von dem Meer zum Meer erobert;

Und mit Klaggeschrei verkündend,

Wie die Mohren all′ ermordet

So die Taufe nicht empfangen,

Und nicht Mahom abgeschworen:

Wie in ihrem Blute liegend,

Rache sie noch schrie′n im Tode.

Ja auch unsers Gottes Bilder

Liegen alle umgeworfen

Von des grimmen Karles Arme,

Der von Meer zum Meer durchzogen

Blutig hat die span′schen Lande,

Und nur eines steht noch oben

Von den goldnen Mahomsbildern,

Allen Mohren uns zum Troste;

Salomkadir das mit Namen,

Das der hohe Gott Mahoma

Selbst durch mag′sche Kraft gebildet.

Dort am Rand der Meereswogen,

Wo so hoch die Raben fliegen,

Auf dem steilen Felsen oben,

Unbeweglich schaut der Riese

Nach des Südens wilder Zone,

In der Hand die Keule haltend,

Alles ganz von rotem Golde.

Naht sich irgend da ein Christe,

Fallen auf ihn Legionen

Von den grimmen wilden Geistern,

Die Mahoma hat beschworen,

Bannend an das Riesenbildnis

Ihre Kraft durch mag′sche Worte.

Nahte da in Lüften kreisend

Irgend jemals sich ein Vogel,

Fiel er tot alsbald herunter.

Doch ist dieses Bild gewogen

Allen tapfern Sarazenen,

Die für Mahom Blut vergossen;

Wer zu Mahom betend nahet,

Ist für Unheil da geborgen.

Dieses goldne Riesenwunder

Ist alleine noch verschonet,

Es zerbrachen an der Keule

Noch der Christen Lanz′ und Dolche.

Von der goldnen Keule haben

Christen-Magier gesprochen,

Daß sie einst in fernen Zeiten

Jener Faust entsinken solle,

Wo sie furchtbar jetzo ruhet,

Wenn ganz Spanien christlich worden.

Doch es wollen dies verhüten

Und uns retten von dem Hohne,

Unsers Riesen Mahoms Glaube

Und der Geister Legionen,

Jene aber ganz zerschmettern.

Als die Mohren das vernommen,

Ward ein Schreien, ward ein Toben,

Racherufen, Lust zum Morden,

Wie von Löwen und Hyänen,

Oder grimmer Tiger Horden.

Säbel blinken, Rosse wiehern,

Von viel tausend Scharen Mohren

Viele tausend Fahnen wehen,

Die Hispanien durchzogen,

Daß vom Meere bis zum Meere

Alles schwamm in Blutes Strome.

Gegen diese grimmen Scharen

Hat nun Karl sein Schwert erhoben

Mit dem Milo von Angleren,

Daß den Christen sei geholfen;

Herzog Milo, Rolands Vater,

Zog mit Karl und den Genossen

Durch die spanischen Gefilde

Suchend jene blut′gen Horden.

Auf den schönen grünen Wiesen

Fanden endlich sie den Mohren,

Lagerten ihm gegenüber

An der Cera Silberstrome,

Dort wo Sankt Facundi Münster

Nachmals himmelan erhoben,

Und aus blutbesprengtem Grunde

Eine fromme Stadt entsprossen.

Zornentbrannt in seinem Herzen

Und von stolzer Ruhmgier kochend,

Sandte in der Christen Lager

Agolante edle Boten,

Um zu gutem Ritterkampfe

Alle Christen aufzufodern,

Daß von zweien gegen zweie,

Gleicher Anzahl sei gefochten,

Oder tausend gegen tausend,

Wie es selbst die Christen wollten.

Hundert Ritter sandte Karol,

Hundert gegen hundert Mohren.

Lanzen, Schwerter, Helme blinken,

Schnaubend wiehern hell die Rosse,

Doch der Christen Schwerter siegen;

Von der Heiden Blut begossen,

Färbt sich rot die grüne Wiese

An der Cera Silberwoge.

Diese bittre Schmach zu löschen

Sendet an dem andern Morgen

Früh der zorn′ge Agolante

Jene erste Zahl verdoppelt;

Doch auch diese fallen blutend

In der Kampfbahn hin zum Tode.

Da entfärbt sich Agolante,

Fluchend laut in heißem Zorne;

Und so sollen denn zweitausend

Mit dem ersten Strahl der Sonne,

Auf die blut′ge Wiese hinziehn,

Wär′ es auch zu Fluch und Tode.

Und es standen schon die Christen

Schimmernd in dem Glanz Aurorens,

Gleicher Anzahl ihrer wartend,

An der Cera Silberwoge.

Wohl ward da ein gutes Streiten,

Von den Christen, von den Mohren;

Lanzen splittern, Helme springen,

Jählings stürzen hin die Rosse,

Manche Wunde wird geschlagen,

Bis zum letzten Schein der Sonne,

Als von den zweitausend Heiden

Lagen tausend da im Tode,

Und die andern tausend flohen,

Karol hat den Sieg gewonnen.

Da zerrauft sein Haar der alte

Heidenkönig sich am Boden,

Wild in seinem Grimm sich wälzend

Wilder fluchend seinem Gotte.

Und in nächtlich schwarzer Stunde

Läßt er seine Zaub′rer kommen;

Und die Hölle laut beschwörend,

Werfen sie die schwarzen Lose,

Um durch böse Kunst zu finden,

Was der Frommen Blick verborgen.

Und da sieht er in den Losen,

Auf des andern Tages Morgen

Schlimmes Zeichen für die Christen,

An dem einz′gen Tag beschlossen,

Daß sie da den grimmen Unstern

Meiden, oder fallen sollen.

Froh des Unheils sandt′ er eilend

Hin zu Karol seine Boten,

Kampf und Schlacht ihm anzutragen

Auf des andern Tages Morgen,

Welches Karol, froh des Sieges,

Gern dem Heiden angelobte.

In der Frühzeit dieses Tages,

Da geschah es, wie hier folget,

Daß die Krieger so am Abend

Ihre Lanzen in den Boden

An des Flusses grünem Ufer

Schlugen bis zum andern Morgen,

Durch die Nacht sich wacker rüstend

Und zum Kampf die Waffen probend;

Als sie nun gerüstet kamen,

Ihre Lanzen greifen wollten,

Staunend solche grünend fanden,

Festgewurzelt tief im Boden.

Solches schien ein seltsam Wunder,

Göttlich Zeichen wohl von oben.

Dieses Grün war zu bedeuten

Schön′res Grün der Palmen Gottes.

Wessen Lanze grün umlaubt war,

Starb den Tag im Märt′rertode.

Davon grünt ein Wald noch heute,

Von den Stäben, die im Boden

Auf der Wiese dort geblieben

An der Cera Silberwoge.

Denn es waren viel der Lanzen

Viele Märtyrer zum Tode,

Vierzigtausend Christenseelen,

Die den ird′schen Leib verloren,

Zu der Seelen Freud′ und Troste.

Und auch Milo ward erkoren

Mit den andern, deren Lanze

Schön geblüht in grüner Krone.

Auch das Roß des guten Karol

Starb an diesem Tag des Todes.

Unerschüttert stand alleine

Kaiser Karol noch der hohe,

(Mit ihm waren nur zweitausend

Seiner Mannen und Genossen)

In der Sarazenen Haufen

Schwang sein Schwert, genannt Gaudiose,

Mitten von einander hauend

Manchen wilden grimmen Mohren,

Bis am Abend beide Heere

Wieder in die Lager zogen.

Doch am andern Morgen kamen

Vier Markgrafen hergezogen

Von Italiens ferner Grenze,

Mit der Kriegerschar, der frohen;

Solche fürchtend sind die Heiden

Nach Hispanien heimgeflohen.

Und nun merke wohl der Leser,

Wie hier ist bedeutet worden

Durch die Schlacht das Ziel der Männer,

Die für Christus streiten wollen.

Denn wie Karles gute Krieger

Sich gewaffnet auf den Morgen,

Vor dem Kampf sich wacker rüstend;

So auch wir die Waffen sollen

Hoher Tugend uns umkleiden,

Um so kämpfend zu verfolgen

Wilder Laster grimme Drachen.

Wer da guten Sieg erfochten,

Wie wird dessen Lanze grünen

An dem Richtertage Gottes!

 

Dritte Romanze

 

Zahllos wie der Sand am Meere,

Wie im Meer die Tropfen sind,

Rief die fernsten Heidenvölker

Agolante zu sich hin.

Mohren, Perser, Sarazenen,

Von Arabien Texephin,

Afrikaner, Parther kamen

Und Algarbiens Fürst Ospin.

Urabell von Alexandren,

Ferne Äthiopen wild,

Altumajor von Corduba,

Von Sevilien Ibrahim.

Alpinorgos von Majorka,

Flammend in des Zornes Grimm,

Manuone, Mekkas König,

Auch der Berberfürst Facin.

Wie zum Meere all′ das Wasser

Aus so fernen Landen fließt,

Kamen die zum Agolante,

Dachten froh auf Raub und Sieg.

So erstürmt er nun Agennen

Das im Baskenlande liegt,

Sandte Boten hin zu Karol,

Sinnend arge Tück′ und List.

Goldbeladen reich an Schätzen,

Sechzig Ross′ er ihm verhieß,

Wenn nur Karl mit wenig Mannen

Friedlich zu ihm kommen will;

Bietet Sicherheit und Frieden,

Als hätt′ er ihn noch so lieb,

Bietet Gold und Edelsteine,

Wollt′ er kommen nur zu ihm.

Aber Kaiser Karol merkte

Wohl des Heiden arge List,

Der ihn nur erspähen wollte,

Daß er dann ihn töten ließ.

Mit viertausend tapfern Mannen

Zog er auf Agennen hin,

Die am vierten Meilensteine

Er da heimlich von sich ließ.

Bis zum nah′gelegnen Berge

Er mit sechzigen noch ging,

Da verwechselt′ er die Kleider,

Sandte fort sodann auch die.

Ohne Lanze, wie ein Bote,

Auf dem Rücken hing der Schild,

Nur von einem Knecht geleitet

Zu dem Stadttor sie einziehn. -

"Wir sind Kaiser Karles Boten

Die er Agolanten schickt." -

Und so führt man sie alsbalde

Auf die Burg des Sultans hin. -

"Kaiser Karol kommt, o Sultan,

Wie befohlen ward von dir,

Kommt mit sechzig guten Rittern,

Friedlich er dir huld′gen will."

Froh ward dessen Agolante,

Froh er zu den Boten spricht:

"Saget Karlen, daß ich komme,

Nur mit sechzigen auch ich." -

Also sprach zu Kaiser Karlen

Agolante, kannt′ ihn nicht.

Während der sich eilig waffnet,

Forschet Karl mit klugem Blick,

Stadt und Burg durchspäht er fleißig,

Merkt sich′s wohl in seinem Sinn,

Ob er irgend ein Gebrechen

Wo an Tor und Mauern sieht.

Auch die Heidenfürsten alle,

Von Gestalt und Sitten wild,

Wandelnd durch der Feinde Straßen

Späht er alles wohl darin;

Und dann eilend kehrt er wieder,

Wo die sechzig hielten still,

Mit den sechzig zieht er weiter,

Wo er die viertausend ließ.

Agolante Kaiser Karlen

Schaden und Verrat ersinnt.

Siebentausend starke Reiter

Aus dem Tore mit ihm ziehn.

Kaiser Karol mit den Seinen

Sicher schon im Weiten ist,

Kehrt mit großem Heere wieder,

Und mit Sturm die Burg umringt.

So bedrängt er sie sechs Monden,

Hat nun bald die Burg besiegt.

Manches Felsenstück und Feuer

Er von Türmen in sie wirft,

Und berennt die Mauern mächtig,

Bis er brechend sie bezwingt.

Durch geheimer Schleuse Gang

Agolante schimpflich flieht,

Agolante mit den Fürsten

Fliehen schnöde, sind besiegt.

Mancher Haufen von den andern

In dem Fluß Garonne schwimmt;

Zehnmal tausend Heiden fallen

Unter Karles Schwerte hin.

So berichtet was er sah,

Uns der Erzbischof Turpin.

 

Vierte Romanze

 

Wieder kamen sie zu schlagen

Bei der hohen Tala Burgtor,

Dort wo an Sanktonas Mauern

Die Caranta schlängelt kunstlos.

Wo den seinen frommen Kriegern

Wieder gleiches Wunder Gott schuf,

Welcher Lanze nächtlich grünet,

Solche soll′n im Himmels Lustort

Morgen heil′ge Sterne schauen,

Rein gebadet in dem Blutstrom.

Froh des heil′gen Märtertumes

Stürzten in den Tod sie mutvoll,

Doch unzählige der Heiden

Färbten noch zuvor den Grund rot.

Agolante nächtlich fliehet,

Da von Karl ihn trennt der Fluß noch;

Doch kaum glüht des Morgens Purpur,

Als schon Karol seiner Spur folgt.

Bugiens König und Algarbens

Zittern vor dem Helden mutlos,

Und nach mancher herben Wunde

Färbt sein Schwert ihr grimmes Blut rot.

Da der Christen Heer nun rastet,

Nach dem wilden Streit die Ruh′ folgt,

Da geschah ein seltsam Zeichen

Warnend, wie der Sünde Trug lohnt.

Romarich, ein kranker Krieger,

Da der Tod ihm nahet wutvoll,

Ließ dem teuersten Gesellen,

Ob vor Gott er würde schuldlos,

Noch sein Roß, des Wert den Armen

Er soll geben lieb und huldvoll.

Jener aber treulos denkend,

Mit der wilden Sünd′ im Bund schon,

Die er löste, hundert Gulden,

Schnell verschwendet er sie nutzlos,

Lebt im frechen Sinn so fürder,

Denkt nicht seiner Worte trugvoll.

Da nun dreißig Tage waren,

Daß am Freund er ward so schuldvoll,

Da erschien der Geist des Freundes,

Furchtbar schauend, bleich und blutlos,

Sprechend: Wisse, daß all′ meine

Sünden sind getilgt und spurlos.

In der Hölle Tal wirst künftig

Du statt meiner jammern wutvoll;

Also lautet jenes Richters

Ewig streng gerechtes Spruchwort. -

So verschwand der Tote wieder,

Jener starret sinn- und mutlos.

Früh am andern Tage Morgens

Tut er′s den Gesellen kund noch.

Als er eben frech nun redet,

Da erhebt sich in der Luft hoch

Brüllen, wie von Löwen, Kälbern,

Wie die Wölfe heulen wutvoll.

Luftig fahren durcheinander

Ungeheu′r in wilder Unform,

Blut′ge Flammen zucken strahlend

Aus der dunklen Wolke Glutschoß.

Noch lebendig ward von Teufeln

Weggeführt er durch die Luft so,

Aus der Mitte der Genossen,

Mit Geheul und wildem Fluchwort.

Da das Heer nun weiter wandelt

Wohl zwölf Tage rast- und ruhlos,

Durch die Wüsten, durch die Berge,

Findet man die Leiche wundvoll

An der jähen Felsenspitze,

Findet da die Spur von Blut noch,

Wo ihn schlug der alte Unhold.

Lebe keiner schlecht und ruchlos!

 

Fünfte Romanze

 

Von Pamplona sendet Boten

Agolant′ an Kaiser Karl,

Daß er seiner da will warten,

Fordert kecklich ihn zur Schlacht.

Da berief der fromme Kaiser

Aus dem weiten Frankenland

Alle seine treuen Mannen,

Ritter, Knechte, reich und arm.

Wer verschuldet, wer verpfändet,

Dessen Schuld und Pfand er zahlt,

Alle Fehden er befriedet,

Manchem er die Fesseln brach.

Allen, die der Waffen kundig,

Schönes Ritterzeug er gab,

Die zum Dienste gern gekommen,

Sprach Turpin der Sünden bar.

Hundert vier und dreißig tausend

Waren Ritter in der Schar,

Die mit Karl gen Spanien zogen,

Und das Fußvolk ohne Zahl.

Und nun hört die hohen Namen

Jener Helden, deren Glanz

Hell vor allen andern leuchtet

Auf der Ritterehre Plan.

Roland, Karles Schwester Sohn

Wird mit recht zuerst genannt;

Der die Heere weislich führte,

In Guyenn′ ein hoher Graf.

Arastagnus von Bretagne,

Ogier von der dän′schen Mark,

Oliver und Balduinus,

Der des Rolands Bruder war.

Engeler von Aquitanien,

Herr der alten Kaiserstadt,

Die seit immer wüst gelegen,

Nach der Schlacht bei Roncisvall.

Samson, Herzog der Burgunden,

Constantin aus Griechenland,

Dann Reinold von Alba Spina,

Der manch Abenteu′r vollbracht.

Ivo, Dietrich und Gaiferus,

Der zu Bordeaux König war,

Dann der Mainzer Ganelone,

Der fiel nachher in Verrat.

Dieses sind die hohen Helden,

Kämpfer, mächtiger im Kampf,

Als die mächtigsten der Erde,

Christi tapfre Ritterschar.

Denn, wie mit den zwölf Aposteln

Christus sich die Welt gewann,

So erobert Karl mit diesen

Gott zum Ruhm das span′sche Land.

Weit und breit, auf Berg′ und Täler,

Lagern sie sich ohne Zahl

Bei der Heidenburg, die wieder

Aufgebaut noch fester stand.

Als gerastet bei Pamplona

Froh sie schon den achten Tag;

Da entbeut dem Sultan Botschaft

Streng gebietend Kaiser Karl:

Daß er sich ergeben solle

All′ die Seinen und die Stadt,

Oder auszurücken komme,

Zu entscheiden in der Schlacht.

Agolante wählt zu schlagen,

Daß nicht herber Tod und Schmach

In der Stadt zuletzt ihn träfe,

Die er ohne Rettung sah.

Bis die Heere sind geordnet,

Fordert er Geleit von Karl,

Den zu sprechen er begehrte

Vor der Burg im grünen Tal.

Bald mit sechzig hohen Rittern

In das Tal der Sultan kam,

Wo in aller Fürsten Mitte

Zürnend Karol zu ihm sprach:

"Du bist also der Aglante,

Der mein Land mir böslich nahm,

Spanien, Baskla, die erobert

Ich durch Gottes starken Arm?

Christi Glauben folgten alle,

Waren Christ schon untertan,

Die mit Wüten du ermordet,

Als ich fern in Gallien war.

Hast die Burgen mir zerstöret,

Wild verwüstet manche Stadt,

So mit Schwert als grausem Feuer.

Das sei Gott anjetzt geklagt." -

Staunend seine Sprach′ erkannte,

Da er Karles Wort vernahm,

Agolante, weil der Kaiser

In arab′scher Zunge sprach,

Die er einstens wohl gelernet,

Als er bei Galafrus war.

Lange stand gesenkten Hauptes

Agolante, bis er fragt:

"Wie dir jenes Land gebühre,

Das sei endlich mir gesagt,

Wo dein Vater nicht, noch keiner

Deiner Ahnen König war?" -

"Weil der Herr und unser Heiland,"

So erwidert Karl alsbald,

"Der so Erd′ als Himmel schuf,

Christus uns das anbefahl,

Unser Volk vor allen wählte,

Weit zu herrschen überall;

Darum macht′ ich deine Heiden

Unserm Glauben untertan." -

"Diente unser Volk dem deinen,"

Sprach der Sultan, "wär′ es Schmach;

Denn viel besser als der eure

Ist ja unser Glaube klar.

In Mahoma leben, glauben,

Durch den herrschen wir fürwahr,

Denen er durch seine Geister

Selbst die Zukunft offenbart." -

"O wie irrst du," sprach der Kaiser,

"Wir nur tun, was Gott befahl;

Ihr folgt eitler Menschensatzung

Und verehrt der Hölle Schar.

An den Vater, Sohn und Geist

Glauben wir, und wir empfah′n

Dort des Paradieses Freuden,

Während ihr zur Hölle fahrt.

Drum, daß unser Glaube besser,

Ist wohl jedem Auge klar;

Schlimmen Todes mußt du sterben,

Oder gleich die Tauf′ empfah′n." -

"Das sei ferne," sprach der Heide,

"Daß ich durch so falsche Tat

Meinen Gott Mahoma ließe,

Der allmächtig überall.

Drum so lass′ uns mannlich streiten,

Und das sei des Streits Vertrag,

Wessen Glaube besser wäre,

Der siegt ob in dieser Schlacht.

So nun ihr den Sieg gewinnet,

Ew′gen Ruhm ihr dessen habt;

Und daneben, so ich lebe,

Nehm′ ich gleich die Taufe an."

Also sprach der wilde Heide;

Gern folgt Karol seinem Rat.

Zwanzig Christen, zwanzig Heiden

Kämpfen nun nach dem Vertrag.

Doch die Sarazenen fallen,

Sind getötet allesamt,

Und zum andernmale vierzig,

Eine auserlesne Schar.

Hundert werden gegen hundert

Nun zum dritten ausgesandt.

Furcht ergreift der Christen Herzen,

Drum hat sie der Tod gefaßt.

Denn wie Christi fromme Kämpfer,

Wenn im Streit sie werden laß,

All des Heils verlustig, sinken

In des ew′gen Todes Qual;

(Wer nicht redlich kämpfet, heißt es,

Solchen lohnet nie der Kranz;)

So hat die das Schwert getroffen,

Weil sie in dem Streit verzagt.

Zweimal hundert Sarazenen

Und von Christen gleiche Zahl,

Wieder tausend gegen tausend,

Ziehen kühnlich in den Kampf.

Da die Heiden unterliegend

Nun getötet beidemal,

Streitens müde, Agolante

In der Christen Lager kam,

Schwöret, daß ihr Glaube besser

Augenscheinlich sei, und wahr,

Will mit seinem Volk die Taufe

Andern Tages schon empfah′n.

Um die hohe Mittagsstunde

Agolant′ am andern Tag

Kam gezogen zu dem Kaiser,

Den er eben speisend traf.

Hohe Gäst′ an reichen Tischen

Sieht er manchen sitzen da,

Ritterlich geschmückt die einen,

Andre weiß und andre schwarz.

Wer die hohen Gäste seien,

Staunend er den Kaiser fragt. -

"Jene dort im weißen Kleide

Sprechen uns der Sünden bar,

Das sind unsers Glaubens Priester,

Machen Gottes Wort uns klar.

Doch noch heil′ger sind die andern,

Beten für uns Tag und Nacht." -

Auf der niedern Erde sitzen

Drauf der Heidenkönig sah

Dreizehn Männer ärmlich speisend

Im zerrissenen Gewand.

"Wer sind jene dort im Winkel

Im zerrissenen Gewand,

Die am Boden ärmlich speisen?"

Rasch der Heidenkönig fragt. -

"Das sind Arme, Gottes Leute,

Gleich wie der Apostel Zahl,

Die wir speisen, die wir tränken

Gott zu Liebe, Tag für Tag." -

"Herrlich speisest du die Deinen,"

Spricht der Heide drauf zu Karl;

"Doch sind diese Gottes Leute,

Tust du Gott wohl große Schmach.

Wohl nun seh′ ich, wie dein Glaube,

Den du rühmtest, schlecht und falsch;

Drum so geh′ ich zu den Meinen,

Will die Taufe nicht empfah′n." -

Eilend ging er mit den Worten.

Und der Kaiser voll von Scham,

Daß, weil jene nicht geachtet,

So viel Volk der Tauf′ entsagt,

Läßt die Armen all′ berufen,

Ladet herrlich sie zu Gast.

Groß ist wahrlich dessen Sünde,

So der Armen nicht nimmt wahr!

Beide Heere morgens rücken

Wohl gerüstet in den Kampf,

Ihren Glauben zu verfechten

Nach gemeinsamem Vertrag.

Da der Heiden Haufen einer

Nun von fünf gefallen war,

Drängen sich die andern viere

Dicht um König Agolant.

Von den wilden Sarazenen

Mancher schon getötet war,

Aber mitten noch in seinem

Heere Agolante stand.

Jenen Haufen zu umzingeln,

Eilen, da sie das gewahrt,

Jetzt herbei die Christen alle,

Hierher, dorther auf dem Plan.

Mordend zu der Rechten, Linken,

Stürzt Arnold sich durch die Schar,

Bis mit grimmen Schwertes Schlage

Mächtig er den Heiden traf.

Da entsteht ein wildes Schreien,

Alles Agolanten klagt.

Mordend nun von allen Seiten

Stürzt herbei der Christen Schar,

Arastagnus mit den Seinen,

Ogier von der dän′schen Mark,

Galdebod′ und Constantin,

Und Arnoldus von Bellant.

Da ward so viel Blut vergossen,

Daß im Blut gegangen ward,

Daß von allen Sarazenen

Keiner an dem Tag entkam.

Nur der König von Sevilien

Flohe glücklich aus der Schlacht;

Altumajor von Corduba

Auch mit Müh dem Tod entkam.

Sehet, weil für Christi Glauben

Kämpft in rühmlichem Vertrag

Kaiser Karl, hat obgesieget

Er den Heiden an dem Tag.

Wer für Christus wacker streitet,

Bis ans End′ in guter Tat,

Der wird einst erhöhet werden,

Höher als der Engel Schar.

Einen Haufen wilder Christen,

Der mit Gier manch goldnen Schatz

Raubte in der Heiden Lager,

Hat der Tod alsbald gestraft.

Altumajor von Corduba,

Aus verborgnem Hinterhalt,

Schlug sie wehrlos alle nieder,

Tausend Männer an der Zahl.

Also sollen ew′gen Todes

Sterben, die gesiegt im Kampf

Mit den Lastern, doch von neuem

Sind verlockt in schnöden Fall.

 

Sechste Romanze

 

Boten kamen her mit Eile,

Kaiser Karol anzuzeigen,

Wo Garzimes Berg, der steile,

Der Navarr′schen Berge einer,

Stolzer in die Wolken steiget,

Käm′ ein Fürst ihn anzufeinden,

König Furr, ein wilder Heide.

An Garzimes Felsensteine

Kam zu Abend hin der Kaiser;

Morgen soll die Schlacht entscheiden,

Und er bat Gott um ein Zeichen,

In der dunklen Nacht geheime,

Daß er die mag unterscheiden,

Die des andern Tags erbleichen

Todes sollen von den Feinden,

Schönen Märt′rerkranz erreichen. -

In des andern Frührots Scheine,

Da gerüstet all′ sich zeigen,

Haufen hier und dort sich teilen,

Sieht ein rotes Kreuze scheinen

An der Schulter auf den Kleidern

Er der auserwählten Seinen,

Die als Märtyrer erbleichen

Sollen und den Tod erleiden.

Solches sieht allein der Kaiser,

Außer ihm gewahrt es keiner.

Wehmut an sein Herz da greifet;

Und es regt der Wunsch sich heimlich,

Wie sie lebend möchten bleiben,

Die mit rotem Kreuz gezeichnet.

Alle er alsbald vereinet,

Schließt sie in der Kirchen eine,

Sie zu retten so vermeinend;

Seine Absicht wußte keiner.

Mutvoll gehn sie auf die Feinde,

Schlagen bald die wilden Heiden,

Auch ihr König muß erbleichen,

Mit dreitausend von den Seinen.

Freudig zieht mit Siegeszeichen

Heim das Heer im Abendscheine.

Da nun heimgekehrt der Kaiser,

Und die Kirche öffnet schweigend,

Sieht er hundertfunfzig Leichen,

Sanft entseelt und bleich sich seinem

Auge strafend allda zeigen.

Bitterlich er die beweinet,

Reuevoll und voll Mitleiden.

O ihr Christuskämpfer heilig,

Traf euch nicht der Arm des Feindes,

Weil von irdischem Mitleiden

Sich der Kaiser ließ ergreifen,

Gottes Fügung wollte meiden,

Bleibt der Kranz euch dennoch eigen!

 

Siebente Romanze

 

Boten kamen, bei Nagera

Sei ein Riese, Ferracut,

Fern von Babylon gekommen,

Aus des Goliath Stamm und Blut.

Gen Nagera eilt der Kaiser,

Zu umlagern solche Burg.

Prahlend tritt der Ries′ hervor,

Läßt erschallen seinen Ruf,

Fordert Zweikampf von den Christen,

Schmähend laut in wilder Wut.

Kraft hat er, wie vierzig Männer,

Hat vor keinen Waffen Furcht.

Däne Ogier war der erste,

Der das Abenteu′r versucht.

Da der Riese ihn erblicket,

Kommt er sachte angeruckt,

Streckt nach ihm die lange Rechte

Und ergreifet ihn beim Rumpf,

Hat ihn unterm Arm verwahret;

Jenem ward nicht wohl zu Mut.

Ihn mit allen seinen Freunden,

Wie ein zartes Lamm er trug,

Geht damit vor aller Augen

Stracks hinauf zu seiner Burg.

Seine Länge maß zwölf Ellen

Und die Nase einen Fuß,

Arm und Schenkel maßen eben

An drei Ellen gern und gut.

Dann Reinold von Alba Spina

Trägt er wieder in den Turm.

Constantin von Griechenlande,

Einen Grafen noch dazu,

Trug er beide, unter jedem

Arme einen, durch die Flur,

Sperret ein sie zu den andern

Und noch manchen Ritter gut.

Alle staunten, Kaiser Karlen

Muß entsinken wohl der Mut.

Ritter Roland konnt′ es länger

Nun nicht tragen mit Geduld.

Nur nach langem Bitten, Harren,

Spricht das Ja des Kaisers Mund.

Wie Roland dem Riesen nahet,

Greift ihn der auf einen Zug,

Mit der Rechten nur ihn setzend

Vor sich auf den Mähnenbusch

Seines Rosses, trabt er eilend

Wieder nach dem Tor der Burg.

Doch der Ritter, Gott vertrauend,

Sammelt seine Kraft zur Stund′,

Griff ihn wacker bei dem Barte,

Warf ihn hinten auf den Grund.

Beide lagen sie am Boden,

Beide sprangen gleichen Muts

Wieder auf die Rosse, jeder

Tapfer auf den andern schlug.

Roland will den Riesen spalten

Mit des Schwertes grimmem Schwung;

Doch das Schwert, statt seiner, mitten

Durch den Leib des Rosses fuhr.

Da sein Roß ihm nun getötet,

Stritt der Riese dann zu Fuß,

Drohet viel mit seinem Schwerte,

Bis er′s sinken lassen muß.

Doch wie mächtig er getroffen,

Wird des Riesen Arm nicht wund.

Grimmig er die Faust jetzt ballte,

Rolands Roß den Kopf einschlug.

So mit Fäusten, so mit Steinen

Kämpften beide nun zu Fuß.

Da es Abendrot geworden,

Bot den Frieden Ferracut.

Bei den Seinen soll ein jeder

Pflegen diese Nacht der Ruh′.

"Ohne Schwert und Lanze kämpfen

Morgen wir wie heute nur." -

Also schieden nun am Abend

Diese zwei mit manchem Gruß,

Kehren auf den Kampfplatz frühe

Bei der Morgensonne Glut.

Zwar ein Schwert der Riese brachte

Gegen Recht und seinen Bund;

Doch es mag ihm wenig frommen,

Daß gebrochen er den Schwur.

Roland einen Stecken führte,

Einen Stecken lang und krumm,

Hat ihn viel damit geschlagen,

Doch der Riese ward nicht wund.

Auch mit großen Kieselsteinen,

Die er von der Erd′ aufhob,

Bis zur heißen Mittagsstunde

Er ihn unermüdlich schlug.

Da nun Roland Frieden bietet,

In der Mittagszeit zu ruhn;

Schwer von Schlaf alsbald der Riese

Streckt sich auf die grüne Flur.

Einen Felsstein nahm der Ritter,

Wie er stark noch war und jung,

Legte den ihm zu den Häupten,

Daß er desto sanfter ruht.

Roland nicht, noch sonst ein Ritter

Nähme jetzt des Riesen Blut;

Denn so war der Zeiten Sitte,

Da noch blüht′ das Rittertum;

Wer dem Feind das Wort gegeben

Und nicht hält der Treue Schwur,

Sei es Christe oder Heide,

Mit dem Tod es büßen muß.

Da der Riese nun erwachte,

Geht der Ritter auf ihn zu,

Setzt ins Gras sich zu ihm nieder:

"Sag mir," spricht er, "doch mit Gunst,

Wie du also hart gewachsen,

Daß kein Eisen dich macht wund?

Stein noch Holz kann dich verletzen,

Nirgends seh′ ich dessen Spur." -

Staunend schaut ihn an der Riese,

Willig er das kund ihm tut,

Wie am Nabel er verwundbar,

Fest sonst sei von Kopf zu Fuß.

"Der so tapfer mich bestreitet,

Sage Knabe, wer bis du?" -

"Roland bin ich," sprach der Ritter,

"Von der Franken Stamm und Blut." -

"Welches Glaubens sind die Franken?" -

Sprach der wilde Ferracut.

"An den Christ durch Gottes Gnade

Glauben wir und seinen Schutz." -

"Wer doch dieser Christ gewesen,

Sage mir nun zum Beschluß." -

"Er war Gottes Sohn," sprach Roland,

"Jungfräulichen Leib′s Geburt,

Der am Kreuz gestorben, siegreich

In des Abgrunds Tiefe fuhr;

Auf dann stieg zum Himmelreiche,

Dorten sitzt auf ew′gem Stuhl." -

"Einer ist der Welten Sultan,

Der hat Vater nicht noch Suhn;" -

Sagt der Ries′ und Roland weiter

Spricht im christlichen Disput

Von dem Vater, Sohn und Geiste,

Der die Welten all′ erschuf.

Doch der Riese gegenredet:

"Drei und Eins sind nimmer gut." -

"Tönt die Leier," spricht der Ritter,

"Wirkt die Saite, Hand und Kunst,

Dreierlei zu einem Schalle,

Deutlich ist doch die Figur.

An der Sonne unterscheidest

Du das Licht, der Wärme Glut,

Dann zum dritten ihre Kreisung,

Drei in Einem klar genug.

Ist dies aber dennoch dunkel,

Sieh′ des Mandelbaumes Nuß,

Kern, und grüne Haut, und Schale,

Dreierlei an einer Frucht.

Ja auch an dem Wagenrade

Siehst du dreierhande Stuck;

Nabe, Felge, Speiche eben,

Oder wahrlich du bist stumpf." -

Wie das also nun geschlichtet,

Fraget weiter Ferracut,

Nach der Jungfrau, die im Schoße

Ohne Mann das Kind doch trug. -

"Wie im Maien alles grünet,

Manche rot′ und weiße Blut,

Wo kein Sämann nimmer säte,

Also auch Maria tut." -

Solches sprach der edle Ritter,

Unermüdlich an Geduld,

Für den lieben Gott zu streiten

So mit Schwerte als dem Mund.

"Sieh doch an in Sommertagen,

Wie in manchem tiefen Sumpf

Plötzlich alles lebt und webet,

Ohne Samen mancher Wurm." -

"Wohl gesprochen," sagt der Riese,

"Doch auch das erkläre nun,

Wie der, so zuvor gestorben,

Von den Toten doch erstund."

"Wie der Löw′ am dritten Tage,

Wie der Löwe seine Brut,

Hauchend, die erst tot, belebet,

Gott an seinem Sohn auch tut.

Wie die Sonne," sprach der Ritter,

"Abends sinkt der Tiefe zu

Und in Osten auf dann steiget,

Leuchtend strahlt am Himmelsrund;

Leicht wohl konnte so sich heben

Aus des grimmen Todes Schlund,

Dem des Todes bleiche Scharen

Alle folgen, wann er ruft,

Die am jüngsten Tage kommen

Alle vor des Richters Stuhl;

Leicht kann durch die Himmel wandeln,

Der die Himmel selber schuf." -

"Laß′ uns kämpfen," sprach der Riese,

"Und das sei des Kampfes Bund;

Ist dein Glaube wahr, so fall′ ich,

Werde siegen, wenn es Trug." -

"Also sei es," sprach der Ritter;

"Ewig sei dem Sieger Ruhm,

Schande des Besiegten Volke." -

Sprang dann auf den Heiden zu.

Mächtig schwingend ihn der Riese

Mit dem Schwert zu schlagen sucht,

Doch es meidet gar behende

Roland ihn im Seitensprung.

Rolands Keule war zerbrochen,

Drum der Ries′ in grimmer Wut

Springt auf Roland, ihn ergreifend,

Beugt ihn nieder auf den Grund.

Da sieht Roland keine Rettung,

"Hilf Maria mir," er ruft;

Doch er biegt sich, zieht behende

Jenes Dolch aus seinem Gurt,

Stieß den in des Riesen Nabel,

Daß in Strömen quillt das Blut.

Sterbend nun der grimme Riese

Schreit, und seinem Gotte flucht.

Eilend auf den Schrei die Heiden

Stürzen aus der hohen Burg.

Roland war schon bei den Seinen

Heimgekehrt in sichrer Hut.

Und die Schar der Sarazenen

Klagend nun den Leichnam trug

Auf die Burg des grimmen Riesen,

Der genannt war Ferracut.

 

Achte Romanze

 

Altumajor sammelt wieder

Seine Heiden bei Corduba.

Hierher, dorther kommen Scharen,

Ibrahim, Seviliens Sultan,

Andr′ aus andern Landen Spaniens,

Von Granad′ und von Abula.

Wie der Heiden Volk versammelt,

Ward es bald dem Kaiser ruchtbar.

Der zog mit sechstausend Mannen

Froh hin, wie zu einem Lustkampf.

Da die Schlacht nun soll beginnen

Außen an der hohen Burg Wall,

Wählt er all die besten Ritter,

Reiht des ganzen Heeres Grundkraft,

Ordnet die zum ersten Haufen,

Stellt zum zweiten dann die Fußmacht,

In den dritten wieder Reiter,

So zu meiden jeden Unfall.

So auch stellen sich die Heiden,

Hatten wohl von jenen Kundschaft,

Ritter doch gemischt mit Fußvolk,

Dessen sah man bald die Ursach.

Larven standen bei den Rossen,

Grimmer Larven eine Unzahl,

Bärtig und gehörnt wie Teufel.

Wie bei höll′scher Geister Luftfahrt

Durch die wilden Wirbelwinde

Sich die innre Bosheit Luft schafft

In Gekreisch und wildem Schalle;

So erklingen, heulen furchtbar,

Töne seltsam von den Larven,

Zwischen dem Geklirr und Hufschlag,

Daß der Christen Rosse plötzlich,

Wie wenn sie des Bösen Wut faßt,

Unaufhaltsam, hiehin, dorthin,

Fliehn auf unwegsamen Fußpfad.

Schon gebrochen sind der Christen

Scharen alle durch den Unfall.

Karl ersinnt alsbalde Rettung,

Daß verschwinden gleich von Stund′ an

Muß des eitlen Zaubers Trugbild.

Mit dem Kreuz, der Hölle furchtbar,

Stellt Turpin sich in die Reihen,

Dann von Leinen manchen Umhang

Um der Rosse Haupt sie binden,

Daß der Zauber schwand von Stund′ an.

In der Sarazenen Scharen

Ward alsbald ein grauses Blutbad,

Und es flog wohl hiehin, dorthin,

Mit dem Kopfe mancher Turban.

Nur die rote Fahne steht noch,

Die den Heiden wieder Mut gab;

Keiner flieht, so lang sie weht noch,

Die auf goldnen Wagens Grund stand,

Den acht weiße Stiere zogen,

Goldgeschmückt, als wie zur Prunkfahrt.

Gott vertrauend und der Rüstung,

Fest war die und unverwundbar,

Dringet Karol durch die Scharen

Zu der Fahne und wirft unsanft

Manchen Heiden tot danieder,

Dann die Fahne in das Blutbad.

Jetzt muß alles, alles weichen,

Niederfällt Seviliens Sultan.

Früh am Morgen nach dem Siege

Wird erstürmt die Burg Cordubas;

Altumajor unterwirft sich

Karlen, der ihm seine Huld gab.

Nun verteilt er auch die Lande,

Weil sein Teil allein der Ruhm war.

Portugal schenkt er den Dänen,

Wer mit in des Heeres Bund war;

Aragonien den Picarden

Und den Deutschen Andalusia;

Auch Nager′ und Saragossa

Denen Griechen von Apulia,

Und für Baskla und Navarra

Wird Britanniens Heer sein Schuldmann;

Gibt den Franken dann Castilien.

In Galicien, das nicht fruchtbar,

Wollten nicht die Franken wohnen.

Karl war groß und allen furchtbar.

 

Neunte Romanze

 

Nach Jakobus heil′gem Münster

Wallet Karl als frommer Pilger,

Tötet alle Renegaten

Und belohnt die treuen Christen.

Er versammelt heil′ge Männer,

Bischöf′, Erzbischöf′ und Priester

Nach dem sel′gen Compostella

In dem christlichen Galicien

Dort mit froher Pracht und Andacht

Einzuweihn die schöne Kirche,

In des Maien grüner Blüte

Zu begehn die frohen Pfingsten.

Manches Recht und milde Gabe

Schenkt er des Jakobus Sitze,

Daß, wie Ephesus in Asien,

Wo Johannes lehrte milde,

Wie die Pracht der hohen Roma,

Wo den Tod Sankt Peter litte,

Also auch das hohe Spanien

Compostellas Andacht zierte,

Aller apostol′schen Kirchen

Zweit′ an Rang, an Zahl die dritte.

So auch zahlet stets vier Pfennig

Dorthin jeder Hausbesitzer

In ganz Spanien und Galicien;

Ledig sind sie alles Dienstes.

Es erfreun sich mit dem Kaiser

Nun des Mai′n die frommen Ritter,

Sitzen unter grünen Lauben

An den reichgedeckten Tischen,

Wo auf ihre Winke warten

Manche schön geschmückte Diener.

Da war oft ein gutes Tönen

Von Posaunen und von Cymbeln,

Und von alter Ritter Taten

Hörte man gar manche Lieder.

Karol war von Anblick herrlich,

Mächtig seine Brust und Glieder;

Wie des Löwen Augen, funkeln

Feurig seine hohen Blicke.

Wen er ansah, mußte oftmals

Vor dem Blicke bloß erzittern.

Seine Länge maß acht Fuße,

Königlich war seine Stirne;

Ausgelernt war er im Kampfe,

Und an Kraft fast wie ein Riese.

Tugendsam war dieser Kaiser

Auch im Essen und im Trinken.

Wenig Brotes nur genoß er,

Nebst dem Viertel eines Widders,

Ein′ge Hühner, sonst Geflügel,

Hasen, Pfauen, so man briete;

In den Wein mischt′ er sich Wasser,

Saß nur einmal Tags zu Tische.

Seine Stärke war so mächtig,

Daß er oftmals einen Ritter

Ganz geharnischt und gerüstet

Auf der flachen Hand gen Himmel

Hoch erhoben in die Lüfte.

Saß er auf dem Stuhl als Richter,

Ward ein Schwert ihm vorgetragen,

Nach der alten Kaiser Sitte.

Viermal trug er Jahrs die Krone

Und das Szepter, alles schlichtend,

An dem Weihnachtstag und Ostern,

Auf Jakobi und zu Pfingsten.

Hundert zwanzig fromme Edle

Wachten um sein Bette immer,

Wechselten zu dreien Wachen,

Standen also immer vierzig,

In der Rechten bloße Schwerter,

In der andern helle Lichter;

Zehn zum Haupte, zehn zu Füßen,

Zehn zur Rechten wie zur Linken.

Ja wer dieses guten Kaisers

Taten alle wollte wissen,

Würd′ an Worten eh′ es fehlen,

Wär′ auch Meister wer im Dichten,

Um das alles zu entfalten,

Als es fehlte an Geschichten;

Wie er edel war und strenge,

Doch im Sprechen mild und glimpflich,

Allen spendet reiche Gaben,

Doch als Richter unerbittlich.

Wie Galafrus einst der Heide

Den Verbannten schlug zum Ritter;

Wie er den Braymant getötet

Dann, den wildesten der Riesen,

Der sie grimmig will bekriegen

Dem Galafrus bloß zu Liebe;

Wie zum heil′gen Grab er wallte,

Manche Kirchen, Klöster stiftet,

Manches Land und viele Burgen

Dem Dreieinigen gewinnend;

Wie er heimgebracht das heil′ge

Holz vom wahren Kreuze Christi,

Ferner köstliche Reliquien,

Wohl verwahrt in Gold und Silber,

Nebst manch seltnem Abenteuer,

Wird von andern wohl berichtet.

 

Zehnte Romanze

 

Also war nun sein geworden

Spanien zu Gottes Ruhme,

Und Sankt Jakob, des Apostels;

Kaiser Karl in Frieden ruhte.

Nur Marsir von Babylonien,

Riese Belligant, sein Bruder,

Die der große Sultan dorten

Sandt′ einst nach den span′schen Fluren,

Noch bei Saragossa thronten,

Heimlich Tück′ und Rache suchend;

Treu′ und Liebe war erlogen,

Tief im Herzen Haß gewurzelt.

Kaiser Karol sandte fodernd,

Daß getauft im Christenbunde

Gott sie gleich bekennen, oder

Sich verpflichten zum Tribute.

Ganelon von Mainz war Bote,

Der Verrates schuldig wurde,

Durch den schnöden Lohn bestochen,

Daß mit falscher Frevelzunge,

Er den Heiden angelobte,

Sie zu sättigen im Blute

Kaiser Karls und seiner Stolzen,

Die nichts Arges sich vermutend,

In die Schling′ er locken wollte,

Wie an Hand und Fuß gebunden.

Dreißig Rosse schwer von Golde,

Edelstein und span′schem Gute,

Sandten sie zu Karls Gebote,

Als ein Zeichen, daß sie huld′gen;

Auch beladen vierzig Rosse

Süßen Weines zum Genusse;

Blühend dann, wie volle Rosen,

Tausend Mädchen holder Jugend.

Zwanzig Rosse schwer von Golde,

Teppiche gestickt mit Blumen,

Gaben sie zu seinem Lohne

Ganelon dem faschen Buben.

Heimgekehrt zu Karles Hofe,

Spricht er von der Heiden Schwure,

Ihm zu huld′gen, wenn er komme,

Treu zu sein dem Christentume.

Karol sandte, so betrogen

Nach dem Roncisvaller Grunde,

Mit den besten der Genossen

Roland, aller Ritter Blume.

Die, bis durch die Berge oben

Mit dem Heer er Bahn gefunden,

Sollen unten seiner dorten

Harren, wachend sich gedulden.

Bald vergaßen sie der Sorge,

Von dem süßen Weine trunken,

Von der Wollust süßern Wonne

Ganz beraubt des alten Mutes.

Ganelon ward dessen frohe,

Gab den Heiden gleich die Kunde.

Funfzig tausend Heiden kommen

Frühe aus des Waldes Dunkel,

Wo, im Hinterhalt verborgen,

Sie geharrt der günst′gen Stunde,

Tobend jetzt hervorgebrochen,

Daß von Schwertern alles funkelt.

Hinten sind die grimmen Mohren

In das Lager eingedrungen,

Wo die Kämpfer nicht geordnet,

Oder lagen noch im Schlummer.

Doch die Helden nimmer flohen,

Tapfer in die Mohren schlugen,

Bis zur dritten Stund′ vor Morgen,

Daß die Heiden sinken mußten,

Ihrer keiner ist entkommen.

Heimgewendet nun zur Ruhe

Seh′n ein andres Heer sie vorne,

Größer noch als das sie schlugen,

Wilder auch und grimm′ger tobend.

Da entsinkt das Herz dem Mute,

Und sie fühlen sich verloren,

Matt wie jeder ist und blutend,

Können fürder nichts mehr hoffen;

Jetzt zu siegen wär′ ein Wunder,

Doch ist keiner noch geflohen.

Eingedenk des alten Ruhmes,

Kämpfen sie in Blutes Strome,

Bis ermattet von den Wunden,

Endlich in den Arm des Todes

Alle nieder sind gesunken.

O was war da für ein Morden

Von den grimmen Heidenbuben,

Die auch keines nicht verschonten,

Der noch gab des Lebens Spuren.

Den mit Lanzen sie durchbohrten,

Andre schlugen sie mit Ruten,

Auch zerfetzend mit den Dolchen,

Die am Baum sie fest gebunden.

Andre mit dem Beil zerstoßend

Werfen sie in Flamm′ hinunter,

Marternd noch mit wildem Spotte

Sie bis in des Todes Schlunde.

Also bitter ward gelohnet

Denen, die es wohl verschuldet,

Weil obwohl im Dienste Gottes,

Sie vergaßen Sitt′ und Tugend.

Alle liegen sie ermordet,

Rettung ward da nicht gefunden.

Roland einzig blieb verschonet,

Dieterich, und Rolands Bruder

Balduin, die im Wald verborgen,

Irrend rannten durch das Dunkel.

Da fand Roland einen Mohren

Bei des Dämmerlichtes Spuren,

Der in dunkeln Wald geflohen,

Band ihn fest an eine Buche.

In der Nacht beim Schein des Mondes

Stieg nun, alles zu erkunden,

Roland auf die Berge oben,

Schauend auf die Feinde drunten.

Bei dem ersten Strahl der Sonne,

Trüben Herzens, doch nicht murrend,

Griff er nach dem großen Horne,

Laut erschallt die Kraft des Mundes.

Zu dem wohlbekannten Tone

Eilet Balduin der Bruder,

Dieterich und mehr Genossen,

Andre Christen wohl an hundert.

Des ward Roland wieder frohe,

Gehet den Gefangnen suchend,

Der, mit manchem Tod bedrohet,

Sie zu führen ward gezwungen.

Nach Marsir fragt er den Mohren,

In Marsirus Herzensblute

Hat der Held sich angelobet,

Rein zu waschen seine Schulden.

"Jener hohe König dorten

Auf dem braunen Roß mit rundem

Schilde," hat der Mohr gesprochen,

"Vor dem knieen all die Unsern." -

Roland drauf und die Genossen,

Nach des Ruhmes Labsal durstend,

Gott geweiht zum frommen Tode,

Stürzen mutig nun hinunter.

Einen Riesen samt dem Rosse

Mitten durch in einem Schwunge

Spaltet Roland von der Schulter

In zwei Hälften bis zur Sohle.

Einzig den Marsir verfolgend,

Der entfliehend bleich schon wurde,

Hat er nieder all′ geworfen,

Rechts und links, die Mohrenhunde,

Bis er dennoch ihn getroffen.

Und der Mohr wälzt sich im Blute,

Schrecklich des Verrats belohnet,

Fährt er hin zum Höllenschlunde.

Angstvoll ist alsbald geflohen

Belligant weit in die Fluren,

Mit ihm alle seine Mohren,

Weil ihr Sultan war gesunken.

Doch auch jene hundert Frommen

Sind nach mancher herben Wunde

All′ als Märtyrer gestorben.

Einsam Roland und voll Kummer,

Von vier Lanzen tief durchbohret,

Reitet er nach Balduin suchend,

Der wie Dietrich sich verloren;

Bis er endlich, schmerzgedrungen,

Abstieg von dem guten Rosse,

Bleich und kraftlos hingesunken,

Bei Ciseras Felsenpforte,

In des Baumes Schatten ruhte,

Neben einem Felsenblocke

Harten Marmors, der da stunde.

Hat sein Schwert alsbald gezogen,

Das so herrlich glänzt im Schmucke,

Schön verziert mit Stein und Golde,

Und im Schlagen recht ein Wunder.

Noch in später Zeit erscholle

Zu Durendas hohem Ruhme,

Rolands gutes Schwert zu loben,

Manches Lied von manchem Munde.

In den Anblick nun verloren,

Schauend auf sein Schwert, das gute,

Das so manchen Dank erworben,

Und gedenkend des Verlustes,

Hat er Tränen noch vergossen,

Klagend also ausgerufen,

Liebevoll zu ihm gesprochen,

Wie zum Freund im letzten Gruße:

 

"O du Schwert ganz ohne Tadel,

Schön geziert mit Gottes Namen,

Mit des goldnen Kreuzes Glanze,

Mit Beryll und mit Smaragden!

Soll ich dich, mein Schwert, verlassen,

Das ich trug nun schon so lange?

O wer wird dich künftig tragen?

Wohl ist selig der vor allen,

Darf vor keinem Feinde zagen.

Du das schärfste von den scharfen,

Einzig bleibst du wie du warest,

Denn der Künstler, der dich machte,

Bildete nach dir kein andres.

O wie oftmals nahm ich Rache

Für den Herrn, den sie verraten,

An der Heiden bösem Stamme,

Sie mit deiner Kraft zermalmend.

Soll dich nun ein Heide haben,

Oder etwa ein Verzagter,

Muß ich es von Herzen klagen."

 

Drauf, nach diesen Klageworten,

Hat er hoch das Schwert geschwungen,

Schlagend nach dem Felsenblocke

Harten Marmors, der da stunde,

Daß in Feindes Hand nicht komme

Dieses Schwert so hoher Tugend.

Mitten durch der Stein zerfloge

Von des Schwertes grausem Schwunge;

Unversehrt liegt das am Boden,

Unversehrt, wie er auch schluge.

Drauf nach seinem großen Horne

Griff er, schallend drein zu rufen,

Ob von jenen Kriegsgenossen,

Die im Tale irrend suchten,

Einer etwa nahen wollte,

Hülf′ ihm in der Todestunde.

Und es war des Klanges Donner

Also stark, des Hornes Rufen,

Daß es mitten ist geborsten,

Ihm die Adern sind zersprungen.

Ja zu Kaiser Karles Ohren,

Der von Roncisvall nichts wußte,

Drang das Rufen jenes Tones,

Fern des Weges wohl acht Stunden.

Wie der Stimme Karol horchte,

Hat ihn Ganelon beruhigt,

Da er Hülfe senden wollte:

"Roland jagt wohl dort im Grunde,

Irgend da ein Wild verfolgend;

Nur zur Lust ist jenes Rufen,

Wie er oft zu tun gewohnte." -

O der falschen Judaszunge

Zu Verrat geschickt und Morde;

Der recht gut von Roland wußte,

Seinem Leiden, seinem Tode! -

Nun fand Balduin den Bruder,

Der durch Zeichen Wasser fordert,

Liegend auf dem Wiesengrunde,

Einen Trunk zum letzten Troste,

Schmerzvoll, wie er war und durstend,

Nahe an des Todes Pforten.

Nirgends doch fand Quell noch Ufer

Irgend eines Bächleins, Stromes,

Balduin so angstvoll suchend.

Roland war schon nah′ gestorben,

Balduin auf sein Roß geschwungen,

Eilte, seinen Weg verfolgend,

Daß kein Feind ihn etwa funde.

Da nun Balduin entflohen,

Nahet Dieterich zur Stunde;

Der ist klagend ausgebrochen,

Hat vermahnt ihn, alle Schulden

Zu bekennen seinem Gotte,

Daß, geschirmt vor dem Versucher,

Aufging zu des Himmels Pforten

Er aus diesem Sündenpfuhle.

Roland schlug die Augen offen,

Schauend nach dem Himmelsgrunde,

Inniges Gebet zu opfern,

Reue, Hoffnung, Glaub′ und Buße.

"Wie vom Licht ja übertroffen,"

Sprach er, "wird des Schattens Dunkel,

So wird an dem sel′gen Orte,

Mir auch Sinn und Geist gesunden.

Was kein Aug′ und Ohr vernommen,

Schau′ ich dort im Himmelsgrunde,

Was in keines Herz gekommen,

Und das Ird′sche ist verschwunden;

Die er liebt, den Kindern Gottes,

Denen gibt er davon Kunde." -

Dreimal nach dem Herzen fuhr er,

Mit der Hand die Brust sich klopfend,

Betet noch mit schwachem Munde

Für die lieben Kriegsgenossen,

Welche in der Schlacht gesunken;

Zeichnet mit des Kreuzes Troste

Vielmals sich zur ew′gen Ruhe.

Also hat Roland im Tode,

Wie uns Dietrich gab die Kunde,

Seine Passion vollzogen

Dort im Roncisvaller Grunde.

 

Elfte Romanze

 

Eben las die Seelenmesse

Zu der Christenkämpfer Ehre

Turpin dort im Kriegesfelde,

Kaiser Karol stand daneben;

Eh′ das Hochamt noch vollendet,

Wird entrückt des Bischofs Seele.

Singen hört er plötzlich Engel,

Die im Chor gen Himmel kehren;

Da die seinem Blick entschwebet,

Folgt ein wilder Haufe denen

Dunkler Höllenrichter schnelle,

Führen einen Mann gefesselt,

Wie zur Hölle Räuber gehen,

Mit dem Raub in frechen Händen.

Wen sie führen, fragt er; jene

Zu dem frommen Bischof sprechen:

"Den Marsir zur Höll′ in Ketten,

Aber den vom Horn, den Helden,

Michael zur Himmelsveste." -

Da die Messe nun geendet,

Vor den Kaiser Karol tretend,

Hat der Bischof so geredet,

Mit dem Kreuz zuvor sich segnend:

"Kund muß dir, o Kaiser, werden,

Roland ist nicht mehr am Leben.

Michael führte seine Seele

Mit viel andern Christenseelen

Zu des Himmels lichten Welten.

Den Marsirus aber werfen

Höll′sche Geister, hart gefesselt,

In des Flammenpfuhles Wellen." -

So noch sprach er; und da sehen

Balduin sie durch die Felder,

Der in Eil absprang vom Pferde,

Alles treu dem Kaiser meldet,

Wie er Roland ließ beim Felsen

Schon im Todeskampfe sterbend.

Ein Geschrei wird da im Heere,

Wie sie hiehin, dorthin gehen,

Bis der Kaiser Karl den Helden

Liegen fand bleich und enseelet,

Kreuzweis auf die Brust geleget

Seine Hände zum Gebete.

Da begann mit tiefem Wehe,

Klagevoll am Leichnam stehend,

Weinend, seufzend, ohne Ende,

Laut vergießend heiße Tränen,

Händeringend und im Schmerze

Haar und Wange sich verletzend,

Karol diese Klagerede:

 

"O du meines Leibes Rechte,

Ruhm und hohe Zier der Franken,

Schwert des Rechtes, Schirm des Heiles,

Nie bezwungne Heldenlanze!

Du, dem Judas Makkabäus

Ähnlich durch der Tugend Taten,

Saul und Jonathan im Tode,

Simson gleich an Kraft des Armes;

Weh, daß du erschlagen!

 

O du rastlos wackrer Kämpfer,

Stärkster unter allen Tapfern,

Tod der Heiden, Schirm der Christen,

Königlich von Sinn und Adel!

Du des Klerus hohe Mauer,

Stab der Waisen und der Armen,

Allen hülfreich, Schild der Witwen,

Der nicht Trug noch Lüge kannte;

Weh, daß du erschlagen!

Warum mußt′ ich her dich führen,

Wo dich tot mein Auge sahe?

Konnt′ ich denn mit dir nicht sterben?

Warum bleib′ ich hier verlassen?

Du zwar magst nun immer selig

In des Märtervumes Kranze

Dich des Paradieses freuen

Mit der heil′gen Engel Scharen.

Aber wir, so wie die Seinen

König David muß bejammern,

Also wir auch ohne Ende,

Roland, müssen um dich klagen;

Weh, daß du erschlagen!"

 

Zwölfte Romanze

 

Schweigend durch des Waldes Dunkel,

Da der Morgen kaum noch graute,

Zogen alle sie gewaffnet,

Um die Kriegsgenossen trauernd,

Nach dem Roncisvaller Grunde,

Wo die Toten sie in Haufen,

Einige noch lebend ächzen

Durch einander sahn mit Grausen.

Oliverus, dessen Seele

Fern schon war vom Erdenraume,

Seinen Leichnam fanden gräßlich

Da am Boden ihre Augen,

Kreuzweis an vier hohe Pfähle

Ausgestreckt mit starken Tauen,

Von der Scheitel bis zur Sohle

Ganz zerrissen und zerhauen,

So mit Lanzen, Schwertern, Messern,

Wie von grimmer Drachen Klauen.

O, was war da für ein Klagen,

Schreien und Geheul der Trauer.

Jeder wehklagt um die Seinen,

Die der herbe Tod ihm raubte;

Wiederklangen aus dem Tale

Durch den Wald die Klagelaute.

Kaiser Karol schmerzentbrannter,

Leidvoll sich die Haare raufend,

Schwur bei dem allmächt′gen Gotte:

Nichts soll hemmen ihn im Laufe,

Nimmer will er irgend rasten,

Bis sein Schwert im Blute rauche

Jener heidnischen Verräter,

Die so manchen Mann ihm raubten. -

Da den Heiden sie nun folgen

Ward erhöret sein Vertrauen;

Unbeweglich stand die Sonne

Wohl an dreier Tage Dauer,

Bis bei Saragossas Burgen,

An der Ebra Uferauen,

Karol sie hat überfallen,

Ganz in Freud′ und Fest berauschet.

Da die Rache nun vollzogen,

Ließ er hin zu jenem Baume

Alle Kranken, Schwerverwund′ten,

Dort wo Roland schloß die Augen,

Führen, um sie streng zu fragen,

Weil im Heere war der Glaube,

Durch Verrat sei es geschehen,

Weil er Ganelon vertraute.

Um das klarer zu erkunden,

Soll im Zweikampf nach dem Brauche

Dietrich für den Kaiser streiten,

Daß man Gottes Urteil schaue,

Pinabell für den Verräter,

Einer seiner Freund′ und Trauten.

Doch als Pinabell erschlagen,

Läßt der Kaiser ohne Zaudern,

Da die Schuld nun liegt am Tage,

Keines Zeugen es mehr brauchte,

An vier wilde Rosse binden

Vor des ganzen Heeres Augen

Ganelone, den Verräter,

Die ihn so zerrissen grausend,

Ihn zerstückten in vier Teile

Nach den Enden des Weltraumes.

Diesen Tod mußt′ er erleiden,

Bis er einstens klagt noch lauter,

Wenn am jüngsten Tage schrecklich

Schallt des Weltgerichts Posaune.

 

Dreizehnte Romanze

 

Fackeln irrten, Feuer brannten

In dem Walde um den Toten,

Weiße Zelte in dem Grünen

All der Leid- und Kriegsgenossen.

Balsam, Aloe und Myrrhen

Muß die heil′gen Dienste zollen,

Um den Leichnam zu erhalten,

Bis er zu der Heimat komme.

Klaggesänge und Gebete

Steigen, feierlichen Tones,

Durch die Nacht in dunkler Stunde,

Bis zu Gottes hohem Throne.

Und nun ward ein Suchen, Tragen,

Als der Gottesdienst vollzogen,

Bei des Frührots Morgenscheine,

Jeder für die Seinen sorgend;

Ein′ge führen sie auf Bahren,

Aus des Waldes Grün geflochten,

Tragend andre auf den Schultern,

Sorgsam andre auf den Rossen,

Hier den Leichnam balsamierend,

Dort in neue Klag′ ergossen,

Andre lebend noch Verwund′te,

Tragen sie mit Sorge schonend.

Doch des sel′gen Rolands Leiche,

Trägt auf Teppichen von Golde,

Eingehüllt im Fürstenmantel,

Dort ein Maultierpaar erhoben,

Schmuckvoll in des Zuges Mitte.

Bis nach Blavas hohem Schlosse

Hieß ihn Kaiser Karol tragen,

Dort zu Sankt Romanus Dome,

Den er selber hat gestiftet

Und den stolzen Bau erhoben.

Da ward ehrenvoll die Leiche,

Mit dem elfenbeinern Horne

Zu den Füßen, und dem Schwerte

Ruhend an dem Haupt des Toten,

In die tiefe Gruft gesenket,

Bei dem Klang der Trauerglocken.

Selig wohl sind Blavas Mauern,

Welche Stadt in ihrem Schoße

Hat so hohen Gast empfangen,

Trost dadurch und Schutz gewonnen.

Da um Roland nun die Klage,

Nach vollbrachtem Seelenopfer,

Nach vollbrachtem Totendienste,

Wieder sich erheben wollte,

Sprach der gottgeweihte Bischof

Laut die trostesreichen Worte:

"O wie sollte, Klag′ anstimmend,

Uns um den zu weinen ziemen,

Welcher selig im Bezirke

Wohnet schon des Paradieses?

Glänzend wohl und ruhmgezieret

War er, als er wallt′ hienieden,

Doch noch heller jetzo schimmert

Hoch er über den Gestirnen.

Denn in seines Herzens Tiefe

War ja Gottes Wort geschrieben;

Heiter war er, fromm und bieder,

Allen er ein Vater schiene,

War der Ehre Licht und Gipfel

Und des Rittertumes Zierde.

Drum so wendet nicht die Blicke

Zu dem Sarge, wo mit nichten

Ihr noch könnt den Edlen finden,

Der jetzt schon hinaufgestiegen

Ist zu jener Burg des Himmels." -

Also lauten jenes frommen

Bischofs Worte voll des Trostes.

Manche Helden sie begruben,

Da Roland bestattet worden,

Heimwärts ziehend jetzt die Christen

An viel gottgeweihten Orten.

Bei Belinum ward begraben

Oliver und Galdebode,

Dän′ Ogier und Arastagnus

Mit Guarin und andern Toten.

Selig ist auch dieses Städtchen

Wo so große Helden wohnen!

Bei Bordeaux sind dann begraben,

Ruhend in Sevrines Dome,

Sankt Reinhold und Engelerus,

Mit Gayfer′ und den Genossen.

Durch Toulouse war indessen

Der Burgunden Schar gezogen,

Auf dem Aylisfeld bei Arles

Lagern sie sich mit den Toten,

Wo auch jene sind begraben,

Die durch Gottes Hand gestorben,

Da die Schlacht war bei Garzime,

In der Kirche eingeschlossen;

Da begruben die Burgunden

Klagevoll nun ihre Toten.

Herzog Naymes auch von Bayern

Ruhet mit auf dem Kirchhofe.

Viele Lande schenkte Karol

Dort zu Blava nun dem Dome,

Seinem Roland all′ zu Liebe,

Viel des Silbers und des Goldes,

Manche Gaben, Rechte stiftend,

Mit dem einzigen Gebote,

Daß sie künftig keinem andern

Ihre Dienste leisten sollen,

Einzig für den Roland betend

Und für seine Kriegsgenossen.

Auch am Tage seines Leidens

Sollen jährlich, wird geboten,

Dreißig Arme schön bekleidet

Und bewirtet sein im Kloster;

Daß des Rolands sie gedenken,

Der den Armen hat geholfen.

Dreißig Messen und Vigilien,

Samt den andern Zeremonien

Heil′ger Trauer sind gestiftet

Zum Gedächtnisse der Toten,

Rolands und der Kriegsgenossen,

Die den Märterkranz erfochten

Auf den spanischen Gefilden,

Streitend für die Ehre Gottes.

 

Vierzehnte Romanze

 

Wie der Frommen Lanze blühet,

Die vollendend ihr Gelübde,

Hier die Schulden abzubüßen,

Sich in frommen Streit bemühen,

Mit der Palme sich zu schmücken,

Die im Himmel immer grünet,

Gern in eignem Blut sich kühlen;

Wie im Maien die Gebüsche

In den stillen Talen grünen,

Blütumkränzt die vollen Hügel,

Linde liebe Blumen glühen,

Auf der Erde buntem Gürtel

Sich erhebt ein Liebesgrüßen,

Auf Gesanges kühnem Flügel;

Also blühet, also grünet,

Von jedwedem Mund gerühmet,

Manches Heldenherz entzündend,

Und in manchem Lied verkündet,

Rolands Tod und Heldenkühne,

Auch sein adelich Gemüte,

Wie er fern von Trug und Lügen,

Doch vor allem, wie er frühe

Alle seine Schuld abbüßte,

Mit der Märt′rer Kranz sich schmückend,

Deren Palme immer grünet.

Noch in fernen Zeiten glühen

Helden in dem Schlachtgewühle

Bei dem Rolandsliede kühner,

Wenn der Held also begrüßet

Vor der Schlacht die Heldenbrüder,

Ziehend über Tal und Hügel.

 

Lied wird gesungen,

Kampf dann begunnen,

Wohlauf ihr Gesellen

Froh in Reih′n zu stellen.

 

Sonne hoch da leuchtet,

Wies′ im Taue feuchtet,

Einer läßt vor allen

Seine Stimm′ wohl schallen.

 

Wie die weiß′ und rote

Blüt′ im Sturm zu Boden,

Also blut′t der Ritter

In der Freunde Mitte.

 

So in roten Wunden

Alles Leids gesunder,

Höret wie Roland all

Fiel dort in Roncisvall.

 

War er da verraten,

Manchen Schlag doch tat er;

Muß in Blute sinken,

Ehrenkranz da findet.

 

Starb mit ihm Oliver,

Hat er des hohe Ehr.

Alle seine Starken

Sah′ da fallen Karle.

 

Roland blieb noch eine,

Sah der Mannen keinen,

Noch sein Horn erklungen,

Daß es mitten sprunge.

 

Lied muß erklingen,

Schlacht dann beginnen,

Höret wie Roland all

Fiel dort in Roncisvall.

 

Erst in Blut befeuchtet,

Dann im Kranze leuchtet;

Immerdar nun ruht er,

Sitzt auf goldnem Stuhle.

 

Ist er da bei Gotte,

Für ihn starb er Todes,

Schimmert hoch in Ehren,

Ewig muß das währen.

 

Wir Sankt Roland bitten,

Führ′ in Todes Mitten;

Hell noch scheint die Lanze

Bald in rotem Glanze.

 

Lied ist nun gesungen,

Kampf wird begunnen.

Gedenkt wie Roland all

Fiel dort in Roncisvall.

 

So auf kühnen Liedes Flügel

Wird des Roland Leid verkündet,

Dessen Taten ewig blühen,

Dessen Palme immer grünet.

 

Fünfzehnte Romanze

 

Als die Toten nun bestattet

Sind nach dem Gebrauch der Christen,

In die Gruft hinabgesenket,

Mit Gebet und schönen Liedern,

Zu der frommen Kämpfer Ruhe

Manches Grab kunstreich gezieret;

Kaiser Karol mit dem Heere

Heimwärts nach Paris hinziehet.

Heil′ge Männer und Bischöfe

Hat er dorten hinbeschieden,

Nach des Dionysii Münster,

Kund zu machen seinen Willen.

Gotte dankend, der ihn schirmte,

Gnädig oft ihm half zu siegen,

Dann auch betend für die Seelen,

Die in Roncisvall geblieben,

Und der andren Märtrer alle

In den spanischen Gefilden,

Gibt und schenkt für ew′ge Zeiten

Reiche Gaben er der Kirche,

Die dem Sankt Denis gestiftet,

Hohes Gut und Gold und Silber,

Land und Leute, viele Rechte,

Daß der Heil′ge künftig schirmen

Wolle bis auf ew′ge Zeiten,

Alle, die dereinstens sitzen

Werden auf dem goldnen Stuhle

Dieses Reiches, daß im Kriege

Frankreich stets beschirm′ und schütze

So der Heil′ge, wie im Frieden;

Tritt dann zu Denisens Leiche,

Sein Gebet gen Himmel richtend,

An dem offnen Sarge kniend,

Daß der Heil′ge wolle bitten

Für die teuern Kriegsgenossen,

Die den Märtertod erlitten,

Daß, der Schulden losgesprochen,

Ihre Seele ruh′ in Frieden.

In der Nacht nach diesem Tage

Ist Sankt Dionys erschienen,

Kaiser Karlen angelobend,

Daß auf sein Vorwort und Bitte

Aller Schulden sind entledigt

Jene frommen Glaubensritter,

Die für Gottes Ehre streitend,

In dem Heidenkriege fielen.

Auch für jene, welche willig

Fromme Gaben werden stiften,

Daß der Bau des schönen Münsters

Sei vollendet, will er bitten. -

Drauf nach Aachen über Lüttich

Karol seinen Weg hinrichtet,

Sich in linder Quelle Fluten,

Nach der Arbeit zu erquicken,

Sankt Marien schönes Münster,

Das er hatte da gestiftet,

Hat er reich mit Gold und Silber

Und mit heil′ger Kunst gezieret,

Ließ mit Fleiß da sorglich malen

Alle heiligen Geschichten.

Auch auf gleiche schöne Weise

Ward die Kaiserburg gezieret,

Die er dicht am hohen Münster

Sich zur Freude aufgerichtet;

Denn da sah man jene Schlachten

Alle wundersam geschildert,

Die in Spanien sind gefochten,

Wo die Heiden sie besiegten;

Auch die sieben freien Künste,

Die der Weisheit Kreis umschließen,

Sah man da nach ihren Zeichen,

Durch der Meister Kunst gebildet.

Als das Jahr achthundert vierzehn

Man nun zählte bei den Christen,

Sah man wundersame Zeichen,

Die auf Karles Tod hinzielten.

Sonn′ und Mond hat bei sechs Tagen

Schwärzlich leuchtend nur geschienen,

Auch die Worte "Kaiser Karol",

Die zur Inschrift dort geschrieben

Standen an der Wand der Kirche,

Sah man plötzlich einst verschwinden.

Einstmals ward es auf der Reise

Dunkel um ihn her und finster,

Ganz des Tages Licht verschwunden;

Von der Rechten fährt zur Linken

Eine große Feuerkugel,

Daß erschrocken von dem Lichte,

Ab dem Rosse er gesunken,

Und der Bogen, den er hielte,

In dem Schrecken, in dem Taumel,

Nach der andern Seite fiele.

Seine Kriegsgenossen eilten

Ihn vom Boden aufzurichten;

Ruhig ist er bald entschlafen,

Noch manch′ milde Gabe stiftend,

Für die Armen, für die Klöster,

Gibt er vieles Gold und Silber,

Daß für seine Kriegsgenossen

Und sein eigen Heil sie bitten.

Ruhig in dem Herrn entschlief er,

Zu empfah′n den Lohn des Himmels;

Seine Seele ruh′ in Frieden.



(* 10.03.1772, † 11.01.1829)




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