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Ikaros


Daidalos hub sich auf wächsernem Fittich,

Ikaros weinete: Vater, dich bitt′ ich,

Lehre mich fliegen! Doch Daidalos sprach:

Hättest du Flügel, so flögst du mir nach!

 

Aber dem Ikaros braust es und pocht es

Tief in dem Herzen, und saust es und kocht es

Hoch in dem Köpfchen: Du bildetest dir

Flügel, so bilde doch Flügel auch mir!

 

Nun denn, mein Bübchen, sollst Flügelein haben,

Sagte der Vater zum wimmernden Knaben,

Schritt zu der künstlichen Arbeit, und stracks

Knetete Daidalos Flügel aus Wachs.

 

Ikaros bebet vor Wonn′ und Verlangen,

Als ihm der Vater mit goldenen Spangen

Heftet die Flügel an Schulter und Brust,

Ist sich der Ammenmilch nicht mehr bewußt.

 

Höre, mein Söhnchen, der Klugheit bedarf es

Oben in Lüften, drum achte mein scharfes

Weises Verbot, und bedenk nicht zu spät,

Daß man aus Wachs nur was wächsernes dreht.

 

Folge mir nach in den mittleren Lüften,

Wittere nicht nach ätherischen Düften,

Weit ist die Reise nach Welschland und schwer,

Oben die Sonne, und unten das Meer.

 

Nahest du steigend der Sonne, so schmelzen

Flugs dir die Fittiche; tauchst du, so wälzen

Wogen des Meers dich ins gläserne Haus

Wilder Tritonen, den Hechten zum Schmaus.

 

Daidalos sprach es, und hub sich; der Junker

Fühlte sich nicht vor Entzücken! Kühn schwung er

Nach sich dem Vater, hoch über ihn hin,

Über die Wolken mit trunkenem Sinn!

 

Aber die Flügel begannen zu triefen,

Eh er es merkte, die Schwingen entliefen

Sinkend dem Sinkenden, und er entstürzt

Purzelnd dem Flug, nicht zur Seefahrt geschürzt.

 

Merke sich das der Bescheidneren Tadler,

Keck ist der Käfer, und kühn ist der Adler!

Haben die Götter dir Schwingen versagt,

O so geh nicht auf ätherische Jagd!



(* 07.11.1750, † 05.12.1819)




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