In dem Maye war ihr eben das swölfte Jahr

Mit dem Morgen dahin geflohn.

Dreyzehn Jahre, nun sie fehlten den siebzigen,

Die den Frühling er wiedersah.

Schön war die Laube, der Baum neben der Laube schön;

Blüthe duftete gegen sie.

Kont′ er es ahnden? Er sass glühend vor Fröhlichkeit,

Bey dem Reh in der Laube Duft,

Zittert′, ahndete nichts, Hell war ihr schwarzes Aug′,

Als zuvor er es niemals sah;

Bald verstumt′ er nicht mehr, stammelte, redete,

Kosete, blickte begeisterter.

"Diesen Finger, nur ihn ... Schlank ist dein Wuchs, und leicht

Senket der Tritt sich der gehenden.

Ach den kleinen, nur ihn ... Röthlich die Wang, und doch

Ist die Lippe noch lieblicher!

Diesen schönsten, nur ihn gieb mir!" Sie gab zuletzt

Alle Finger dem flehenden,

Zögerte länger nicht mehr, wandte sich, sagt′: Ich bin

Ganz dein! leise dem glücklichen.

Ida′s Stimme war Luft, Ida, du athmetest

Leichte Töne, die zauberten.

Küsse kant′ er noch nicht; aber er küsst′ ihr doch

Schnell die lebenden Blicke weg.

Und nun bleiben sie stehn, schweigen. Die Schwester ruft

In den kühleren Sohattengang.


Das Gedicht "Aus der Vorzeit" stammt von   (1724 - 1803).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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