1.

 

Und leise trat ich an Dein Sterbelager,

Du kaum erschlossne, schnell verwelkte Blüte.

- - Mir war ja heimlich zugeflüstert worden,

Du hättest ganz im Stillen mich geliebt. - -

 

Noch einmal hoben sich die schweren Lider

Und aus den todesmatten Augen brach

Ein letzter - langer - tiefer Blick der Liebe,

Und Deine abgezehrte, kleine Hand,

Noch einmal legte sie sich fest in meine,

Und dann war Alles, Alles, Alles aus.

 

2.

 

Halb unbewußt war ich hinausgegangen...

Zu einer stillen, grünen Ruhestätte,

Zu einem schattenkühlen Schlummerbette,

In dem ein Herz vergißt sein Glutverlangen.

 

Und wieder faßte mich das alte Bangen,

Das ich so gerne längst begraben hätte,

Und wieder hörte ich Dein dumpfes: "Rette!"

Das mich verfolgt in Nächten, qualvoll langen.

 

Und meiner Brust, der heißen, sehnsuchtstollen,

Erstickte Liebeslaute sich entrangen,

Und schwere Reuetränen niederquollen.

 

Da lebenswarm noch glühten Deine Wangen,

War ich zu kalt, um Freundschaft nur zu zollen,

Und jetzt, nach Deinem Tod, dies Glutverlangen?


Das Gedicht "Totenliebe" stammt von   (1870 - 1928).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte