Nach oben

Baldur-Christus


Und wieder ward der zeugende Tropfen Bluts aus Baldurs Wundenmalen

Zu roter Blüte erlöst in der Seele eines Menschen.

Das war, als der südliche Mittag mit glühenden Lippen

Verdurstend an den Steppen sog von Palästina.

Heiß gärte ihr Blut, und von der trocknen Straße stieg

Ein Feueratem auf

Und wirbelte in braunen Flocken

Um sonnverbrannte, staubstarrende Gesichter,

Als sie ihn zum ersten Male sahen.

Der Sommerwind riß gierig Jubelrufe

Von ihrem Mund und schleifte sie die Gassen lang:

»Hosianna! Hosianna!«

Palmen schwankten und bunte Tücher,

Und ein Leuchten floß

Von ihm in alle Seelen

Und jauchzte durch die Welt . . .

 

Und es sank der Mittag hin, und das Lied verschwamm

In blauem Dämmern, das von den Bergen niederrollte.

Abendgluten rankten sich um Marmorsäulen,

Bluteten auf den weißgebauschten Mantel, zuckten

Um wutverzerrte, bleiche Züge,

Um geballte Fäuste,

Die sich empor warfen zur Terrasse, wo

Er träumend über ihre Häupter weg

Den Tag ins blaue Meer verklingen sah –

»Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!«

Dumpfes Hämmern durch das schwüle Zwielicht.

Glühend starrt die Gier.

Die rostigen Nägel beißen sieh ins Fleisch.

Die Sehnen springen.

Dampfend quillt das Blut.

Ein Wimmern stirbt

Im trunknen Reigen, der von Blut und Gier berauscht

Das Kreuz umrast:

»Hilf dir, König der Juden!«

 

Und der Sturm stöhnt auf.

Schreiend verstiebt der Schwarm.

Falbe Blitze stechen nieder,

Rasen durch die Straßen der Stadt,

Die wie von schwarzer Asche verschüttet starrt,

Fern verdröhnend . . .

Dann weicher Regen . . .

Atmende Stille . . .

Die Palmen schauern sich

Den Rieseltau von feuchten Blättern.

Ein Windstoß reißt die Wolken auseinander . . .

Aus grauen Nebeln weiß

Der Mond.

Ein bleiches Leuchten rieselt den schwarzen Stamm hinab,

Der jäh sich auf reckt in die Nacht auf Golgatha.

Zittert auf geschlossnen Lidern

Und fahlen Wangen, über die

Vom Dornkranz, der mit Raubtierpranken

Sich tief ins Fleisch gekrallt,

Ein dünnes Rot hinsickert . . .

Dann wieder Nacht.

Und wieder stöhnt der Sturm . . .

Schwer sinkt ein schlaffes Haupt zur Brust herab.



(* 11.08.1883, † 30.10.1914)




Bewertung:
0/5 bei 0 Stimmen

Kommentare

Mit dem Eintragen Ihres Kommentars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer angegebenen Daten gemäß unserer Datenschutzerklärung einverstanden.
  • Noch kein Kommentar vorhanden!