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Sappho


Auf dem leukadischen Felsen. Rechts und links Wald, hier licht, dort dunkel. Hinter dem ins Meer hinausragenden Felsen erhebt sich der berühmte Apollotempel mit offnen Säulenflügeln, wo in den Zwischenräumen von Säule zu Säule die Standbilder der berühmtesten Dichter früherer Zeiten erscheinen. Erste Morgendämmerung. Der dem Untergang nahe Mond im Westen.

Erreicht hab′ ich die Stätte,

Die deine Leiden alle,

O armes Herz, bald endet.

Sei mir gegrüßt, Apollo,

Auf deinem luft′gen Felsen,

Der über Zwillingshaine,

Die, Gärten gleich, abwechselnd

Hier licht sind und dort dunkel,

Sich stolz erhebt, die Wolken

Mit seiner Stirn berührend;

Sei mir gegrüßt, in deinen

Rings-offnen Säulenhallen

In deiner Glanzumgebung

Von Fürsten des Gesanges!

Du, Gott des Lichts und König

Des Liedes und der Leier,

Warst meines ersten Sieges

Und der Vergött′rung Zeuge,

Womit dein feiernd Delos

Mein junges Lied belauschte!

Und deinem eignen Ohre

Vernehmbar, deine Tochter

Mich nannte, des Erzeugers

An Kunst und Reizen würdig!

Wer ahnte damals: Sappho,

Der ganzen Hellas Abgott,

Werd′ in der Jahre Blüthe,

Dem Grame zu entgehen,

Zu diesem Felsen flüchten,

Dem Sitze der Verzweiflung?

O meiner schönen Jugend

Zu schnell entflohne Tage!

Wo ich, der Kunst nur lebend,

Die Zierde war der Feste,

Die Königin der Mähler;

Aus jedem frohen Reigen

Nur meine Lieder hörte;

Auf Blumen durch die Straßen

Beim Zuruf der Bewohner

Die Sängerin einherzog;

Und in den heil′gen Hainen,

Ja in der Götter Tempel

Mein Standbild ich erblickte,

Und Lesbos seinen Münzen

Der Götter Bild und meines

Vereint aufprägte! Sappho,

Des zarteren Geschlechtes

Gerechter Stolz und Sehnsucht

Der Jünglinge und Männer,

Die stets von meiner Jugend

Und meiner Lieder Reizen

Gleich stark gerührt, den Preis mir

Des Kampfes zuerkannten,

Selbst wenn Alcäus kämpfte,

Der König im Gesange!

»Längst hat mich deine Schönheit

»Besiegt (so sprach der edle,

Mit Ehrfurcht sich mir nahend,

Als einst den Preis des Kampfes

Mir zuerkannt die Richter),

»Und heut besiegtest du mich

»Auch im Gesang; laß künftig,

»An deinen Siegeswagen

»Gefesselt, mich dir folgen,

»Und alles mit dir theilen,

»Was Zevs den beiden Urnen

»Entschöpfen mag.« Ich aber

Wies spottend seine Liebe

Zurück. Da sprach im Grame,

Wie ahnend, er die Worte:

»Dir mögen nie die Götter

»So abhold sein, o Sappho,

»Daß, einer deines Ruhmes

»Unwürd′gen Liebe fröhnend,

»Du je Alcäens Liebe

»Zurückewünschest!« Zürnend

Wandt′ ich von ihm die Blicke;

Doch bald zerschlug der Tod ihm

Des Lebens und der Liebe

Verhaßte, schwere Fesseln.

Mich aber zwang, ihn rächend,

Der Liebe Gott auf Phaon

Die widerspenst′gen Blicke

Zu senken. Wie verwandelt

Komm′ ich mir vor; ein Traumbild

Scheint mir mein vorig Leben,

Deß ich mich kaum erinnre.

Den Zauber zu vernichten,

Ergreif′ ich meine Leier,

Und will die Ruhmgesänge,

Die ich einst sang, erneuern.

Doch ungeahnte Töne

Entquellen itzt der Leier,

Die mir das Herz mit Wollust,

Das Aug′ mit Thränen füllen.

Ein ungekanntes Feuer

Durchzittert mir die Adern,

Und angefangne Worte

Ersterben auf der Lippe;

Und Ruhm, den Abgott, dem ich

Der Jahre Lenz geopfert,

Und alle Ideale

Der Kunst seh′ ich, gestürzet,

Der herrscherischen Liebe

Zum Fußgestelle dienen.

Vor meinen starren Blicken

Schwebt, Sonnenglanz verstrahlend,

Ein götterähnlich Wesen

Von gleichenloser Schönheit;

Das All zerfließt in Schatten

Zum Hintergrund des Bildes.

Verloren in sein Anschaun

Verlebt′ ich viele Tage,

Verlebt′ ich wenig Stunden,

Ich kann es nicht bestimmen;

Denn alles Maß der Dauer

War mir entrückt. Die Zeit ist

Das träge Kind der Trauer.

O jahrelange Tage,

Die ich seit diesem Traume

Verlebt! O Tag der höchsten

Namlosen Qual, der Phaon

Mir sorglosen entführte!

Der aus den goldnen Sälen

Des Himmels in der Erde

Entsetzensvolle Wüste

Mich niederwarf! Zwar hebet

Mit mitleidsvollen Armen

Die Hoffnung von dem Falle,

Dem unermeßlich tiefen,

Mich auf, und mir die bleiche,

Von Thränen nasse Wange

Liebkosend, spricht sie tröstend:

»Er kehret wieder, Sappho!

»Ihn stahl auf Augenblicke

»Dir eine rasche Laune,

»Von denen selbst die besten

»Nicht frei sind. Wie vermöchte

»Er Sappho zu verlassen,

»Der Schönheit und des Ruhmes

»Gekrönte Tochter? Reuig

»Und liebender erblickst du

»Ihn heute noch, vielleicht schon

»Im nächsten Augenblicke

»Zu deinen Füßen wieder.«

Es endete die Sonne

Den Strahlenlauf, und hüllte

Sich in umwölkte Nacht ein,

Mit ihr mein schwankend Hoffen.

Sie selbst entstieg auf′s neue

Den Sterblichen zur Wonne

Dem Schooß der Nacht; mir aber

Naht, einem Graungespenst gleich,

Die tödtende Gewißheit:

Dahin für mich sei Phaon.

So sei mir denn willkommen,

O Stätte des Entsetzens!

Mir hoffnungslosen aber

Ein Tempe, freundlich lächelnd

Wie das Gefild der Heimath.

Von alten Qualgefühlen

Des Herzens ist mir keines

Auf deine Höh′ gefolget;

An deinem Fuße blieben,

Dem Ziele der Verfolgung,

Die nimmermüden Schlangen

Scham, Eifersucht und Schwermuth

Zurück; es tönet nicht mehr

Mir im erschreckten Ohre

Der Lästerung, des Spottes

Tiefschneidendes Gezische.

(Der Mond am westlichen Himmelsrande; die ersten Sonnenstrahlen im Osten.)

Selbst Phaons Bild erscheint mir

Nur wie aus trüber Ferne,

Gleich diesem untergeh′nden

Erloschnen Mond, dem stolzen,

Die ganze Himmelsebne

Beherrschenden Gestirne

Der Nacht.... Sieh, schon erhebet

Im Osten sich die Sonne!

Sei mir gegrüßt, des Lichtes,

Des Lebens und der Freude

Vollströmend-unversiegbar-

Beseligende Quelle,

Sei mir zum letzten Male

Gegrüßt, allgüt′ger Phöbus!

Geeilt hatt′ ich im Dunkel

Der Nacht mein elend Dasein

Zu endigen, befürchtend,

Beim Anblick dieses Weltalls,

Von deinem jungen Lichte

Vergoldet, meinen ernsten

Entschluß vielleicht noch wanken

Zu sehn. Doch du, mein grausam

Geschick vielleicht bedauernd,

Und die zahllosen Schrecken

Auf meinem Weg zu Pluto′s

Gefürchtetem Gebiete

Mir zu verschleiern wünschend,

Entrissest dich dem Arme

Der Meeresgöttin früher,

Und strömst aus voller Urne

Mitleidig deine Strahlen

Auf meinen Pfad zur stummen

Und ew′gen Nacht hernieder.....

(Anfang einer in diesem Theile des griechischen Meeres

nicht ungewöhnlichen Naturerscheinung.)

Doch welch ein Rosennebel

Bedeckt des Meeres Fläche!

Und welche Wunderscenen

Entdeckt darin mein Auge!

Zwei anmuthsvolle Haine,

Von hundert lichten Stellen

Durchschnitten, nähern steigend

Sich einem Felsenhügel,

Wo stolz und weithinschattend

Zwei lange Säulenhallen

Sich heben; und Gestalten

Von höherm Wuchs und Ansehn

Als Sterbliche die Hallen

Erfüllen. Alle halten

Die Leier oder Cither

Im Arm.... O ich erkenne

In diesen Glanzgestalten

Der Vorwelt hohe Sänger!

Ich sehe Linus, Orpheus,

Thamyris und Homeros!...

Elysium liegt vor mir!...

Ich hör′ der Leier Töne!...

Und außerhalb der Hallen,

Mir näher, und am Rande

Des ungeheuern Felsen,

Auf dem die Hallen ruhen,

Und der hoch über einem

Bewegten See vorspringend

Sich wölbet; steht ein Jüngling

In festlichem Gewande,

Mit einem Kranz im Haare,

Und blickt nach mir, und winkt mir

Mit ausgestreckten Armen...

O, das bist du Alcäus!...

Du denkest noch, und zornlos,

An Sappho?!... Horcht! ich höre

Des holden Mundes Worte!

(Im stillen Wahnsinn glaubt sie folgende Worte zu hören, die sie nachspricht.)

Eil′ unverzagt hernieder

In′s stille Reich der Schatten,

O langersehnte Sappho,

Du Fürstin des Gesanges!

So weit der Strahl der Sonne

Nur reicht, ist alles Wechsel;

Doch hier im Land der Schatten

Ist alles ew′ge Ruhe!

Steig′ unverzagt denn nieder

Ins stille Reich der Schatten,

Wir alte harren deiner,

O Fürstin des Gesanges!

(Nach einigem Nachdenken antwortet sie:)

O nehmt, der Vorwelt Sänger,

Ihr Zierden aller Zeiten,

O nehmt die arme Sappho

In euern hehren Kreis auf!

Ich eil′ in eure Haine,

Ich eil′ zu eurer Ruhe!

(Sie stürzt sich ins Meer.)



(* 05.07.1808, † 19.11.1825)




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