Nach oben

Korinne


Schon zweimal hatten alle

Bewohner Griechenlandes

Zu Delphi sich versammelt,

Und unter Beifallrufen

Die Sieger krönen sehen

Im Lauf′ und Wagenkampfe:

Doch zweimal auch schon Pindar′s

Erhabene Gesänge

Vermißt. Des Alters Schnee deckt

Das Feuerhaupt des Dichters,

Dem, ries′gen Flammensäulen,

Die in der Nächte Dunkel

Weit um sich strahlen, ähnlich,

Der Dichtung Glanzgeburten,

Von Menschen und von Göttern

Bewundert, einst entstiegen

Und einem unvermuthet

Erloschenen Vulkane

Gleicht Hellas erster Sänger.

Als er in Pytho′s Mauern

Zum letzten Mal sein Lied sang,

Ward ihm der Preis, weil keiner

Mit ihm zu ringen wagte.

Und als ein ewig Denkmal

Steht seit der Zeit der Dreifuß,

Auf dem Apollo′s Lob er

So oft besang, dem Throne

Des Gottes gegenüber

Im Heiligthum Apollo′s.

Seit diese Götterstimme

Verstummte, wagten Sänger,

Die sonst aus Ehrfurcht schwiegen,

Der harrenden Versammlung

In sanften süßen Tönen,

Was Phöbus ihnen eingab,

Bescheiden zu dem Klange

Der Leier vorzusingen,

Zufrieden, wenn, wer Pindarn

Einst angestaunt, mit Zeichen

Des Beifalls ihnen horchte.

Ein Mädchen, dem die Götter

Zu hoher Schönheit Glanze

Die Gabe des Gesanges,

Und die noch höh′re Gabe

Der Dichtung früh verliehen,

Tritt mit zwei Blumenkränzen

Beim Strahl der Abendsonne

Ins Heiligthum Apollo′s:

Bekränzt Homer′s Büste,

Bekränzt den Dreifuß Pindar′s,

Und zwischen beiden knieend

Spricht sie mit Demuthsblicken:

»O du, bei dessen Liede

»Schon in den Kindertagen

»Ich oft der Lieblingsblumen

»Und meiner Lieblingstauben

»Vergaß, und dir in deine

»Aus dir erschaffnen Welten

»Mit kühnem Fluge folgte,

»Itzt an Zevs goldner Kette

»Mit allen Göttern schwebte

»Und Erd′ und Meer; itzt über

»Des Oceans Gewoge

»Hinweg, den ehrnen Thoren

»Der Unterwelt mich nahte,

»Und unverzagt in Pluto′s

»Graunvolles Reich hinabstieg; -

»Und du, der über alle

»Den Musen theure Sänger

»Nicht minder hoch emporragt,

»Als über alle Berge,

»Die thürmend ihn umstehen,

»Des delphischen Parnasses

»Gewölkumkränzte Scheitel:

»Sagt, Zöglinge der Wahrheit,

»Wär′ wirklich denn der Menschheit

»Zartfühlendere Hälfte

»Durch einen Spruch der Götter

»Bestimmt zu ew′ger Kindheit?

»Obsiegten an dem Ufer

»Thermodons nicht einst Weiber

»Dem stärkeren Geschlechte

»Selbst in des Krieges Künsten?

»Und Künsten, deren Quellen

»Der Seel′ entströmen, sollen

»Auf ewig sie entsagen?

»Ihr über Neid und Scheelsucht

»Erhabene Naturen,

»Begünstigt durch Begeistrung

»Das muthige, doch edle

»Erkühnen eines Mädchens!

»Nicht siegen will im Kampfe

»Sie des Gesangs, nur retten

»Die Ehre des Geschlechtes.«

Es sinkt der Sonne Wagen

In die azurnen Wellen

Des Meeres itzt. Da dringet

Durch′s weite Thor des Tempels

Ein Strahl von ihr, und ruhet

Verklärend auf dem Antlitz

Homer′s. Ein sanftes Lächeln

Scheint in die ernsten Züge

Des Sängers sich zu mischen.

»Ich nehm′ als Vorbedeutung

(Ruft hochentzückt Korinne)

»Des glücklichen Erfolges

»Dies Lächeln an, o Vater

»Der Dichtung, Gott des Wohlklangs

In wechselvollen Träumen

Verfloß die Nacht. Itzt tönet

Vom Kampfplatz her die Flöte,

Verkünderin des Anfangs

Der gottgeweihten Spiele.

Es eilet voll Begeistrung

Korinne zu der Bühne,

Wo schon zum Klang der Cither

Ein stattlicher Athener

Sein geistreich Lied gesungen,

Und die nun ein Bewohner

Der meerumfloßnen Chios

Betrat. Er sang, wie Pytho,

Das Schrecken der Umgegend

Am Fuße des Parnasses,

Von Phöbus Pfeilen hinsank,

Und wie zu seines Sieges

Verewigung Apollo

Die pyth′schen Spiele stiftet.

Es horchte die Versammlung

Dem Sänger mit Entzücken.

Da sah sie mit Erstaunen

Ein Mädchen sich den Richtern

Des Kampfes nahn, die Leier

In einer Hand, die Rolle

Mit ihrem, ihrer Eltern

Und ihrer Heimath Namen

Darreichend mit der andern.

Es winkten ihr die Richter

Die Bühne zu besteigen.

Und als den Geist der Hörer

Sie durch ihr Spiel gefesselt,

Begann mit einer Stimme,

Der Musen nicht unwürdig,

Zur Leier sie zu singen:

Am letzten Silberfalle

Kastaliens ruht Phöbus,

Und schaut mit stolzer Wonne

Auf die erlegte Pytho,

Auf seinen künft′gen Tempel,

Auf die unzähl′gen Pilger,

Auf ihre reichen Gaben

Und unsre Spiele nieder.

Da hört′ er wie das Rauschen

Von eines Schwanes Flügeln

Dicht hinter sich. Er wendet

Sich schnell, und siehet Amor,

Den Bogen in der Hand, sich

Ihm nähern; es erklangen

Die Pfeil′ im goldnen Köcher

Bei jedem Schwung des Gottes.

Mit spöttischer Verachtung

Betrachtet Phöbus schweigend

Chyterens Sohn, der emsig

Bald an dem Silberbogen,

Bald an dem goldnen Köcher

Voll Selbstgefallens tändelt.

»Ist euer so gepriesnes

»Cythere denn so sehr arm

»An Spielzeug, das dir anstünd′,

»O Kind, daß du, des Tages

»Langwierig träge Stunden

»Zu kürzen, deine Zuflucht

»Zu Waffen nimmst, die wahrlich

»Nur unserm Arme ziemen?« -

Es opfern fromme Pilger

Auf unseren Altären

Was nur in Gold und Silber

Die Künste Schönes bilden;

Doch wagen wir zuweilen,

Zum Scherz, uns an was Größers,

Und suchen manchmal stolze

Besieger zu besiegen. -

Da nahm der Sohn Cytherens

Zwei Pfeile, einen goldnen

Mit scharfer Spitz′ und einen

Aus stumpfem Blei. Der eine

Entflammt im Herzen Liebe,

Der andere zeugt Abscheu.

Er schnellte auf Apollo

Den goldnen Pfeil; den andern

Auf ein goldlockig Mädchen,

Das längs dem schönen Ufer

Des väterlichen Peneus

Der Spur des Wildes folgte;

Denn groß ist Amors Macht, und

Weit reichen seine Pfeile.

Da lodert Lieb′ im Busen

Apollo′s auf. Nun gnügt ihm

Sein Delphi, das sich täglich

Verschönert, und der Tempel

Nicht mehr, deß ew′ge Mauern

Voll Pracht sich heben. Rastlos

Zieht ihn der Drang des Herzens

Nach Tempe′s Flur hinüber.

Da sah er Daphnen. Schöner

Als je die Liebesgöttin

Und ihre Töchter scheinet

Die Sterbliche dem Gotte.

Für Daphnen hätt′ er willig

Dem Götterstand entsaget.

Doch Götter sind nicht minder

Das Spiel der Launen Amors.

Kaum sah den Gott das Mädchen,

Als Abscheu gegen ihn schon

Ihr Herz erfüllt. Sie fliehet,

Gleich eines Unthiers Anblick,

Den Gott, der unermüdlich

Die Fliehende verfolget.

»Bin ich etwan ein Räuber,

»O Nymphe, oder einer

»Der Hirten dieses Thales,

»Deß Armuth du verachtest,

»Du eines Gottes Tochter?

»Wiss′, ich bin Zevs und Leto′s

»Gepriesner Sohn; Dianens,

»Der du dich weihtest, Bruder.

»Flieh′ langsamer, auch ich will

»Dich langsamer verfolgen,

»Damit kein Dorn, kein Stein dir

»Den zarten Fuß verwunde,

»Sieh mich erst an! dann magst du,

»Mißfall′ ich dir, mich hassen.«

Umsonst. Sie flieht, und langt nun

Am väterlichen Ufer

Erschöpfet an: »O Vater!«

So ruft sie mit Entsetzen,

»Beschütze deine Tochter!

»Und kannst du nicht, so tilge

»Auf immer diese Reize,

»Die mir Verderben brachten!«

Der Wunsch ist kaum den Lippen

Entflohn, als unbeweglich

Ihr Leib erstarrt, mit Rinde

Sich deckend; Wurzeln schlagen

Die leichten zarten Füße,

Die Arme werden Äste,

Ihr fliegend Haar zu Laube,

Zum Lorbeerbaum wird Daphne.

Tief seufzte bei dem Anblick

Apollo. Endlich sprach er:

»Du wolltest meine Gattin

»Nicht sein, so sei mein Baum denn.

»Dein Laub bekränze stets mir

»Altar, und Haupt und Leier.« -

Hier schwieg Korinne. Neuheit

Des Stoffs, der Klang der Stimme,

Die Fertigkeit des Spieles,

Des Mädchens Muth und Schönheit

Entzückt die Meng′. Das Urtheil

Der Richter kaum erwartend,

Erkannte sie mit Einmuth

Als Siegerin Korinnen.

Schon zweimal hatt′ ein Herold -

Korinnens, ihrer Eltern

Und ihrer Heimath Namen

Der Menge laut verkündet;

Da scholl am Eingang plötzlich

Der Ausruf: Pindar! Pindar!

Und alle wiederholen

Den Ausruf: Pindar! Pindar!

Mit eines Gottes Hoheit

Naht durch der Menge Reihen,

Die ehrfurchtsvoll zurücktritt,

Er sich dem Sitz der Richter,

Die alle sich erheben

Vor dem gekrönten Sänger,

Und spricht: »Nicht jungen Sängern

»Den Lorbeer zu entreißen,

»Kam ich hieher, o Richter!

»Ihr könntet nur aus Schonung

»Ihn geben für mein Alter.

»Laßt eines schönern Sieges

»Den Greis sich heut erfreuen,

»Des Sieges: neidlos jüngre

»Verdienste zu bewundern.

»Wer sollte eure Lenze

»Verschönern nach dem Tode

»Der alten Nachtigallen,

»Wenn ihr den Zauberstimmen

»Der jüngeren Bewundrung

»Und lautes Lob versagtet?«

Es reichten ihm die Richter

Den Lorbeerkranz. Es suchte

Sein spähend Aug′ Korinnen,

Die gerne sich den Blicken

Der Meng′ entzogen hätte.

Doch aller Augen ruhten

Auf ihr, und zeigten Pindarn

Die Siegerin. Da nahte

Mit lächelndheiterm Antlitz

Er ihr, den Kranz hoch haltend:

»Empfang′ aus Pindar′s Händen

»Den Kranz des Siegs, Korinne!

»Sei Thebens Stolz und Wonne,

»Wie Pindar es gewesen!«

So sprach er, und befestigt

Den Kranz auf ihrem Haupte.

Zwei unter einem Lorbeer

Entblühten Rosen ähnlich,

Auf denen Eos Thränen,

Sie noch verschönernd, zittern;

Steht mit hochrothen Wangen

Vor der Versammlung Blicke

Die glückliche Korinne.



(* 05.07.1808, † 19.11.1825)




Bewertung:
0/5 bei 0 Stimmen

Kommentare

Mit dem Eintragen Ihres Kommentars erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer angegebenen Daten gemäß unserer Datenschutzerklärung einverstanden.
  • Noch kein Kommetar vorhanden!