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Die Lerche


Was siehst du, liebe Lerche,

Wann in der Morgendämmrung,

Wann bei der Abendröthe

Du dich in steten Kreisen

Hoch in die Luft erhebest,

Daß du mit solcher Wonne,

Mit solcher Anmuth singest?

Die Lerche

Ich sehe, wie im Osten

Des Tages rasche Töchter

Mit Flügeln an den Schultern,

Mit Flügeln an den Fersen,

Der glanzumfloßnen Ahnin

Gluthschnaubende vier Rosse

An ihren Wagen spannen,

Das Himmelsthor ihm öffnen,

Und, fröhlich ihn umtanzend,

Ihn auf dem stufenweise

Aufsteigenden, dann eben

Hinlaufenden, und endlich

Allmählig gegen Westen

Sich senkenden Geleise

Der Himmelsbahn begleiten.

Es ist der Weg von einem

Zum andern Horizonte,

Das Himmelsblau durchschneidend,

Mit breiten goldnen Kieseln

Gepflastert, die bei jedem

Hufschlage Funken sprühen.

Kaum aber ist die Sonne

Im Westen angelanget,

So harrt ein schönes Fahrzeug

Mit Purpursegeln ihrer.

Sie und die stillen Töchter

Der ernsten Nacht, gehüllet

In dunkle weiche Schleier,

Besteigen alle schweigend

Das Wunderschiff, das, ohne

Pilot, auf dem die Erde

Umkreisenden Gewässer

Des Oceans hingleitend,

Die eingeschlafne Sonne

Zum Sonnenteiche bringet;

Dem sie, wie neugeboren,

Am Morgen dann entsteiget,

Indeß die stillen Töchter

Der Nacht im Schiff zurücke

Zum Abendthore kehren.



(* 05.07.1808, † 19.11.1825)




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