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Die Eule


Ich weiß, o Eule, weshalb

Die Menschen dich so hassen.

Sie nennen dich die Feindin

Des Tagelichts, der Sonne.

Ich hörte nie dich singen;

Vielleicht ist dein Gesang nicht

So lieblich wie die Stimme

Von hundert andern Vögeln;

Doch glaub′ ich, daß die Menschen

Aus Haß Geheul ihn nennen.

Sie sind dir gram, weil du dir

Die Einsamkeit erwähltest,

Und noch viel mehr die Nächte

Mit ihrem Mond′ und ihrem

Zahllosen Sternenheere

Du liebest als die Sonne,

Die dich mit ihren Strahlen

Verblendet. Doch ich denke

Nicht schlecht von dir deswegen.

Auch ich zieh′ dem Geräusche

Die Einsamkeit, und Mondschein

Und Sternenglanz der Sonne

Oft vor. Sie haben eine

Zum Herzen geh′nde Sprache,

Die dem lärmvollen Tag fehlt.

Du wohnest in den Trümmern

Zerfallener Gebäude.

Bist du nicht, liebe Eule,

Vielleicht der Burggeist, welcher

Gern an den Stellen weilet,

Die lebend er bewohnte,

Wo er so manche Freude,

Und manches Leiden fühlte,

Die beide ihm die Trümmer

Des frühern Aufenthaltes

Noch theuer machen? alle

Erinnerungen früh′rer

Bewegungsvoller Tage

Umstehen dich. Ja, Eule,

So wird es sein: denn etwas

Ganz Eigenes, ja etwas

Geheimnißvolles lieget

In deinem gar zu hellen

Und gar zu scharfen Blicke.



(* 05.07.1808, † 19.11.1825)




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