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Der Strom


Am hohen Fuß der Anden

Entsteigt dem Schooß der Erde

Ein klarer Quell, so breit nur

Und seicht, daß hundert Schritte

Von seiner öden Wiege

Der Weidmann ohne Mühe

Der Quelle rechtes Ufer

Mit einem Fuß berühret,

Indeß sein andrer Fuß noch

Ihr linkes Ufer drücket;

Die müden Doggen aber

Stehn lechzend im Gewässer,

Das kaum ihr Knie bedecket.

Zwei Tagereisen weiter

Ist die namlose Quelle

Bereits ein Fluß, so reißend,

Daß der erfahrne Fährmann,

Um an dem Ort zu landen,

Der gegenüber lieget

Der Stelle, wo vom Lande

Er stieß, zwei dritte Theile

Der Flussesbreite mühsam

Stromaufwärts strebt, und dann erst

Es wagt, die Vorderseite

Des Kahns dem andern Ufer

Gerade zuzuwenden.

Jetzt kommen nacheinander

Der höhern Bergesthäler

Hochmüth′ge Flüsse (mancher

Viel breiter als er selber)

Und müssen wider Willen

(Nichts widersteht dem Bunde

Der Stärke mit der Tiefe)

Mit ihm sich hier vereinen.

O welche Wasserfläche!

Lebt wohl, ihr Brücken! Sicher

Baut hier, und wären′s Römer,

Und mächtiger und größer

Als die der grauen Vorzeit,

Traun, hier baut kein Bewohner

Der weitentfernten Ufer

Wohl jemals eine Brücke!

Selbst nicht von einer Insel

Zur anderen, die hier sich,

Voll wechselseit′gen Stolzes

Sich sondernd, in die Breite

Des mächt′gen Stromes theilen,

Deß Ufer sich allmählig

Dem Blicke schon entziehet ....

Vermag dein Aug′ noch etwas

Auf dem jenseit′gen Ufer,

Dem fernen, zu erkennen? -

Nur hier und da ein Felsstück,

Das in der Sonne glänzet ....

Jetzt raubet mir ein leichtes

Gewölke seinen Anblick ....

Jetzt, ist gleich kein Gewölke

Mehr da, ist′s mir verschwunden ....

Es ist der Strom zum Seee

Geworden. Und so naht er

Dem Meere sich. Das Meer will

Den Eingang ihm versperren.

Sieh, wie sie sich im Kampfe,

Dem schrecklichen, erheben!

Hör′ das Gebrüll der Wogen!

Es will der Strom dem Meere,

Es will das Meer dem Strome

Nicht weichen. Sieh, es sieget

Der Strom! Er tritt, dem Grimme

Des Oceanes trotzend,

In dessen uralt Erbe,

Und siedelt seine Wogen,

Die Süßen, an, und spottet

Des Meeres, das vor Zorn schäumt.



(* 05.07.1808, † 19.11.1825)




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