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Der Rosenstrauch und der Eichbaum


Schien′ ich dir nicht verächtlich,

Ich würde dich bewundern,

Dem Himmel naher Eichbaum!

Trotz deines Hochmuths bleibe

Ich gegen dich noch billig.

Es ist ein schöner Anblick:

Den Wolkenzug, der prachtvoll

Den Himmelsraum durchwallet,

Wenn deiner Riesenscheitel

Er naht, aus Ehrfurcht oder

Weil seinen Lauf du zögerst,

Auf einmal sachter wandeln

Zu sehn; es ist ein schöner,

Bewundernswerther Anblick:

Dich mit dem Sturm, dem Sohne

Der Lust, des Donners Bruder,

In lautem, fürchterlichem,

Hartnäck′gem Kampf zu sehen;

Der Sturm, der sieggewohnte,

Weicht nicht; es weichest aber

Auch du nicht, breitest mächtig

Und trotzig deine weiten,

Der Furcht unkund′gen Arme

Dem Wüthenden entgegen,

Und stemmest stets von neuem

Ihm die zurückgedrängte

Zornvolle Stirn entgegen,

Der niedrigeren Bäume,

Der furchtsamen Gebüsche,

Die rings um dich her beben,

Gewaltiger Beschützer!

Das bist du; warum aber

Vergißt du, oder willst du

Nicht wissen, daß die Menschen

Mit liebender Bewundrung

Beim Rosenstrauch verweilen,

Deß liebliches Gedüft sie

Von weitem schon erreichet?

In ihren Liedern singen

Sie oft vom Untergange

Des einen und des andern,

»Schön ist′s, doch auch gefährlich,

Sein Haupt bis in die Wolken

Furchtbares Reich zu heben!«

So singen sie. »O Rose,

Warum ist dir, o Holde,

Ein so beschränktes Dasein

Auf unsrer Flur verliehen?«



(* 05.07.1808, † 19.11.1825)




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