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Der Frühling


Schnee deckt Gebirg und Ebne;

Eis fesselt Meer und Flüsse;

Wie gräßliche Gerippe

Stehn Waldung und Gebüsche.

Im Herbste starb die Sonne,

Seitdem herrscht Tod auf Erden ....

Was seh′ ich? ... Unsichtbare

Und rasche Hände rollen

Das finstere Gewölke,

Das uns den Winter über

Des Himmels Anblick raubte,

Wie einen Reisemantel

Zusammen, und es öffnen

Sich angelweit die Thore

Der hellazurnen Wohnung

Der Sonne, der verjüngten,

Der neuen, jetzo münd′gen

Beherrscherin der Erde!

Nach allen Seiten stürzen

Von ihres Thrones Fuße,

Wie flüssig Gold und Silber,

Sich volle Lebensbäche

Zur starren Erde nieder.

Der stürzt in′s Meer, und schmelzet

Der Wogen starke Bande:

Seht! dichter Qualm entsteiget

Dem Kampf der Elemente.

Der stürzt auf das Gebirge,

Und die entfernten Berge

Erscheinen blau, die nahen

In anmuthsvollem Grüne.

Der stürzet auf die Ebne,

Und der einfärb′ge Schnee wird

Zu tausendfarbnen Blumen;

In üppigem Gewande

Erscheinen Wald und Büsche.

Horcht! ... Eine graue Wolke,

An Form dem Meerschiff′ ähnlich,

Durchschneidet raschen Laufes

Der Lüfte blaue Wellen;

Harmonisches Geflöte

Enttönet ihrem Schweben,

Je näher, desto voller,

Anmuthiger, erhabner!

Ist′s eine Zauberwolke,

Der eine Fee in heitrer,

Scherzhafter Laune Leben

Und Stimme mitgetheilet ...

O anmuthsvoller Irrthum!

Es sind die Sängerinnen,

Des Lenzes Zauberkehlen,

Ein Heer von Nachtigallen!

Den Schaaren der Erobrer

Nicht ungleich, nehmen schnell sie

Besitz von Hain und Walde,

Und lassen sich da nieder,

Um alles rings mit Leben

Und Wohllaut zu erfüllen!



(* 05.07.1808, † 19.11.1825)




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