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Der Blitz


»Wer mag mit mir sich messen?« -

Ich! sprach die hohe Eiche,

Mit stolzem Wipfel rauschend. -

Dem Schooße schwarzer Wolken

Entspringt der Blitz, gleich einer

Ergrimmten Feuerschlange,

Und knickt die starke Eiche,

Wie einer Blume Stengel

Der unvorsicht′ge Knabe.

»Wer mag mit mir sich messen?« -

Ich! sprach der Thurm, deß goldne

Und weitgesehne Scheitel

Die wandernde Gewölke

Oft wie in Flor verhüllen. -

Ein ungeheurer Drache,

Reißt brüllend durch die Wolken

Der Blitz sich, und hat, ehe

Du dich′s versiehst, des Thurmes

Trotzvolles Haupt verschlungen,

Es rinnen breite Streifen

Geschwärzten Goldes graunvoll

Längs seinen Mauern nieder.

»Mit mir kann nichts sich messen!«

Spricht er zuletzt und stürzt sich

Ein pfeilgeschwinder Taucher,

In′s Meer, das ein Orlogschiff

Mit ausgespannten Segeln

Itzt eben stolz durchwallet.

Es brennt zwei Augenblicke,

Da fliegt in glüh′nden Trümmern

Mit fürchterlichem Knalle

Es in die Luft, es fallen

Die Trümmer dann zurücke

In′s Meer und gehen unter.

Es bleibt keine Spur nach

Von dem gewalt′gen Baue.

So bist du, Blitz, im Zorne

Und im Geleit des Bruders

Des grausen Unsichtbaren,

Von dessen Tritten ringsum

Die weite Erd′ erzittert.

Doch bist, o Blitz, nicht immer

Du furchtbar und verderbend.

In warmen Sommernächten

Sehn wir oft in der Ferne

Dich ohne Donner leuchten.

O welch ein hehres Schauspiel

Beut dann der Menschen Auge

Sich dar! So oft du leuchtest,

Glaub′ ich, daß meinen Blicken

Der Himmel sich eröffne,

Ich glaube schon die Stufen

Von Gottes Thron zu schauen.

Ja, holder Blitz, nicht einmal

Kam mir schon der Gedanke,

Es sei das, was ich sehe,

Wohl das auf Augenblicke

Enthüllte Aug′ der Gottheit.



(* 05.07.1808, † 19.11.1825)




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