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Das Gewitter


In wellenloser Stille

Lag, eine blaue Ebne,

Das Meer vor uns. Im Schooße

Des Meeres schlief ein Riese.

Da kam der Wind und weckte

Mit seiner Flügel Ende

Den Riesen auf. Voll Unmuths

Erhob er sich am fernen

Bewölkten Himmelsrande.

Mit der erzürnten Scheitel

Berühret er die Wölbung

Des glanzberaubten Himmels.

Es hatten schwarze Wolken

Die Sonne schon verschlungen.

Da treibt im Zorn der Riese

Sie nach dem andern Ende

Des Himmels hin. Bald haben

Der Erde sie den Anblick

Des Aethers ganz entzogen.

Ringsum ist Nacht; nur schwärzer

Und schauderhafter ist sie

Im Westen, wo der Riese

In ungeheurer Größe,

Wie ein Gespenst, emporragt.

Itzt öffnet unvermuthet

Das grause Ungeheuer

Den Flammenschlund, und schrecklich

Ertönt sein wüthend Brüllen.

Es beben Erd′ und Himmel

Vor Grauen und Entsetzen.

Nach einer kurzen Weile

Eröffnet er von neuem

Den ungeheuern Rachen,

Und eine Feuerschlange

Entstürmt dem grausen Schlunde

Und stürzt voll Wuth in′s Meer sich.

Da, wo die Feuerschlange

Sich in die Wogen stürzte,

Spritzt, neugefallnem Schnee gleich,

Und dick und hoch, wie eine

Der Himmelssäulen, Meerschaum

Empor bis an die Wolken,

Entsetzlich ist das Toben

Des Meeres und sein Schlagen

An seine Felsenufer.

Noch schauderhafter aber

Ist das Gebrüll des Riesen,

Deß Rachen eine Schlange

Entstürzet nach der andern,

Bei deren Anblick schaudernd

Der Mensch zurückebebet.

Itzt stürzt sich eine Schlange

Auf die nicht ferne Waldung,

Und frißt die höchste, ältste

Und umfangreichste Eiche,

Als wär′ sie eine Garbe.

Da schien des Riesen Rache

Gesättigt. Er zerreißet

Mit allgewalt′gen Händen

Die aufgethürmten Wolken;

Es zeigt auf′s neu der Himmel

Sein heitres Aug′ dem Menschen;

Es lösen sich die Wolken

In Regen auf, der stromweis

Herniederfällt, das lecke,

Geborstne Land zu tränken;

Es steigt, wie aus dem Bade,

Die Sonn′ in vollerm Glanze:

Erneuert scheint die Erde.



(* 05.07.1808, † 19.11.1825)




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