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Von der Poesie


Die Poesie gieng einst spatzieren/

Und traf die Lust/ Verstand und Weißheit an/

Sie hörte sie den schärfsten Wort-Streit führen/

Wem wohl die Welt am meisten unterthan.

Die Lust sprach: Ich beseele sie;

Vor meinem Pfeil entflieht ein Hertze nie.

Doch wandte der Verstand hier ein:

Mein Scepter prangt: wo rechte Menschen seyn.

Und ich kan mich verehret sehen/

So gab die Weißheit drauf/

Wo Seelen nach dem Himmel gehen.

Geliebte/ höret auf/

So sprach die Poesie/ kommt/ ich will euch entscheiden:

Mein Reich kan euch zusammen leiden

Doch seyd ihr nicht zusammen wohl vergnügt/

Nun wohl/ so sey es so gefügt:

Zehn Jahre soll das Reich geschickter Lust gebühren/

Und zwantzig der Verstand das kluge Scepter führen/

Die Weißheit trägt der Crone Kostbarkeit

Auch ohngefehr so lange Zeit.

Ach edle Poesie! so sprachen sie zugleich/

So sind wir wohl vergnügt/ drauf theilten sie das Reich

Auch unter sich/ und ohne streiten/

Und zwar in die vier Jahres Zeiten:

Die Sinnen reiche Lust nahm erst den Frühlings-Schein/

Den Sommer der Verstand/ den Herbst die Weißheit ein.

Mein Leser/ fragst du nun/ wo doch der Winter bleibt?

Matz Tasche sitzet da erfroren:

Da herrschen zwey bekandte Thoren:

Der übel von mir spricht/ und üble Verße schreibt.



(* 29.09.1680, † 16.08.1721)




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